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Viel Natur, viel Penunze und das Ende einer Legende

von Uwe (23.09.2004)


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Hippies Goes Business

Musik auf dem Hippiemarkt.
Kaum zu glauben, wieviele Menschen sich an einem Mittwochs-Hippiemarkt Mitte September noch auf der Mola-Hochebene tummeln. Im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt vor drei Jahren hab ich das Gefühl, dass wieder etwas mehr Qualität anstelle von Kitsch aus Thailand Einzug gehalten hat. Das Flair dort oben ist dasselbe geblieben, schön.

Am meisten fotografiert wird Firefox. Blautöne sind in diesem Jahr angesagt, unverkennbar. Er lebt in sehr kargen Verhältnissen auf der Insel, und irgendwann im Oktober geht's dann wieder nach Berlin, wo er am Kurfürstendamm seine Bilder an die Kundschaft zu bringen versucht. Begeistert ist er nicht von dem, was er derzeit so produziert, aber er teilt das Los aller Auftragskünstler: Gemacht wird, was gefragt wird.

Zu späterer Stunde gibt's Livemusik, diesmal war's ein Typ mit Akustikgitarre, der sich an Dylan-Songs und Klassikern wie "One" von U2 bzw. Johnny Cash versuchte (siehe Foto). Naaaaaaja, ging so...

Die Legende Dylan

Die alte Mühle (gebaut 1778) auf La Mola.
Allein dafür hat sich Formentera 2004 gelohnt: Als ich am 15. September zurück zu meiner Unterkunft kam, meinte Ulli, der an diesem Tag mit Vermieter Vicente auf Fototour unterwegs war, "Ich hab was zu berichten". Seine frischen Digitalfotos hatte er mir öfter gezeigt, aber was zum Teufel gab's auf Formentera zu berichten? Vicente hatte ihn mitgenommen zu einigen seiner Verwandten und Bekannten, zu versteckten Ecken, zu Gegenden, die Normalsterblichen verschlossen bleiben. Da Ulli alles andere als ein Dampfplauderer ist, musste es sich also schon um was Besonderes handeln.

Welches ist die am häufigsten angesprochene, die am heftigsten angezweifelte Legende in Verbindung mit Formentera? Bob Dylan. War er oder war er nicht auf der Insel, stimmt es, dass er einst eine Zeit lang auf der Mola-Hochebene gelebt hat oder nicht? Immer wieder kam das Thema hoch, aber Gewissheit brachte weder eine der zahlreichen Dylan-Biografien noch irgendjemand sonst. Man müsste den Hausherrn von damals auftreiben und fragen, wurde mal geschrieben, nur: existiert der noch?

Juan Moliner. (Foto: Ulli Muhl)
Ja. Er existiert noch. Es war wirklich Zufall, dass Vicente Ulli u.a. auch zu ihm führte, zu Juan Moliner. Die alte Mühle, die "Molí Vell De La Mola", wie sie mit vollem Namen heißt, war von Anfang an (1778) in Familienbesitz, rund 200 Jahre lang. Und Joan Moliner, nach eigener Aussage "zwischen 70 und 75 Jahre alt" (so genau wissen das viele ältere Formenterenser nicht, Geburtsurkunden wie bei uns üblich gibt es nicht), verrichtete noch bis 1956 sein Tagwerk in der Mühle, die auf seinem Grundstück stand. Erst seit gut einem Jahrzehnt ist die alte Mühle Staatseigentum.

Von Oktober oder November 1968 an vermietete er den kleinen Raum in der Mühle für sechs Monate (also bis April, Mai 1969) an einen gewissen Bob Dylan, damals bereits Superstar ("Highway 61 Revisited" mit dem Klassiker "Like A Rolling Stone" und "Blonde On Blonde" mit "I Want You" und "Just Like A Woman" stand schon lange in den Plattenläden, an "Blowin' In The Wind" kam niemand vorbei), per Handschlag. Ein Vertrag existiert demzufolge nicht. Senor Moliner konnte sich im Gespräch mit Ulli noch daran erinnern, dass Dylan eine Gitarre dabei hatte und während seiner Zeit auf Formentera viel schrieb. Warum er das nie jemandem erzählt hatte? Es hatte ihn wohl einfach kein Mensch danach gefragt. Da Moliner keiner ist, den es in den Vordergrund drängt, darf man seinen Aussagen getrost Glauben schenken.

Nur so können dann auch solche Fotos entstehen, wie sie etwa der viel zu früh verstorbene Beni Trutmann oft gemacht hat: Im freundlichen Gespräch mit den Einheimischen. Ulli begleitete Vicente, in dessen apartamento er im September für drei Wochen wohnte, und kam so zufällig auch ins Gespräch mit dem alten Müller von der Mühle auf der Mola. Der wiederum gewährte ihm Einlass in die Mühle, die ansonsten für alle verschlossen bleibt.

Ulli auf den Spuren von Robert Zimmermann

Auf den Spuren von Bob Dylan. (Foto: Ulli Muhl)
Es entstanden einige Fotos in dem äußerst kargen Raum, den Robert Zimmermann alias Bob Dylan vom Herbst 1968 bis zum Frühjahr 1969 bewohnte. Weil es sich um ein dunkles Loch handelte, habe ich mich für ein anderes Bild entschieden: Zu sehen ist der Eingang der Mühle, die Stufen hinauf zum Raum, den Dylan damals bewohnte.

Irgendwann im Frühjahr 1969 muss Dylan die Insel verlassen haben (ob er nochmal da war seitdem?), am 9. April 1969 erschien sein Album "Nashville Skyline" mit dem Hit "Lay, Lady, Lay". Ein wenig verwunderlich ist, dass niemand der sicherlich vielen Hippies und Musikfans Dylan damals erkannt hat. Vielleicht schien es auch utopisch, Dylan leibhaftig vor sich zu haben. Wie dem auch sei: das Rätsel um Bob Dylan im Zusammenhang mit Formentera ist gelöst - der Dank gilt dem alten Juan und Ulli.

  • Jürg schreibt hierzu im Forum:
    Ob mit der Aussage von Juan Moliner, Dylan habe vom Okt/Nov 1968 bis April/Mai 1969 die Mühle bewohnt, die diesbezüglichen Diskussionen endgültig vom Tisch sind, darf allerdings bezweifelt werden.
    Anfang November erscheint Teil 1
    der Dylan-Autobiografie.
    Dylans Biographie ist recht gut dokumentiert und es erscheint merkwürdig, dass ein immerhin halbjähriger Aufenthalt auf einer fernen Insel in Europa offenbar nirgends erwähnt wird. Es gibt für den in Frage kommenden Zeitraum hingegen die folgenden Daten: Im Spätnovemer 1968 besucht George Harrisson Dylan auf dessen Wohnsitz "Byrdcliff Home" in Woodstock NY und es werden zwei Demo Tapes aufgenommen ("I'd have you any time", "Nowhere to go"). Im Januar 1969 verbringt Dylan mit seiner damaligen Frau Sara Lowndes einen Urlaub auf den Westindischen Inseln in der Karibik. Vom 12. - 21. Februar 1969 nimmt Dylan in den Columbia Record Studios in Nashville sein Album "Nashville Skyline" auf. Wenn Dylan von Okt/Nov 68 bis April/Mai 69 wirklich auf Formentera war müsste er also, laut obigen Angaben, die Insel ein paar mal verlassen haben. Zu ärgerlich, dass es offenbar keinen Mietvertrag gibt und auch kein Foto existiert. Ein profunder Kenner von Dylans Biographie ist Clinton Heylin. Von ihm gibt es bei Schirmer Books eine Publikation: "Bob Dylan Day by Day 1941-1995", die mir leider nicht zugänglich ist. Werde mich mal danach umtun. Am besten sollte man Dylan einfach mal direkt fragen. Bob Dylan, p.o. box 870, Cooper Station NY 10276. Wer übernimmt's? ;-)



  • Anfang November 2004 erscheint "Chronicles", Teil 1 (von dreien) der Autobiografie von Bob Dylan.
    Lassen wir uns überraschen.



    Die Insel scheint Musiker magisch anzuziehen. Ulli sah vor wenigen Wochen Robert Plant (Led Zeppelin), Pink Floyd unternahmen während der Aufnahmen zum "More"-Soundtrack (ein Film, der auf Ibiza spielt) einen Abstecher auf die kleinere der beiden Pityusen, Chris Rea bewohnte ein Haus auf La Mola. Eines aber verliert Formentera bzw. verlieren dessen Bewohner nie: ihren Stolz. Weil sie sich daneben benommen hat, bekam Nina Hagen sowohl beim Piratabus als auch in der Fonda Pepe Lokalverbot. Als sie in diesem Jahr von Ibizia (wo sie lebt) nach Formentera kam und darauf hoffte, die Räume der Fonda wieder betreten zu dürfen, wurde sie eines besseren belehrt: Julian zeigte sich unnachgiebig, Frau Hagen musste weiterziehen...

    Phänomen Julian

    "Der junge Pepe", Julian. (Foto: Cornelia Hammer)
    Überhaupt: Julian. Nach wie vor ein Phänomen, dass er, der sich um die Bar und die Gaststätte der Fonda Pepe kümmert (das Hostal hat seine Tante Rosalía, Pepes Schwester, unter ihren Fittichen), sich nicht zu schade ist, Nacht für Nacht die Flaschen rund um die Fonda aufzusammeln. Es scheint ihm sogar Spaß zu machen, die Fonda im Fünf- bis Zehn-Minuten-Rhythmus zu umkurven, immer in derselben Richtung übrigens.

    Meine Freundin bat ihn (auf meine Bitte hin...) um eine Fotosession, er willigte ein. An jenem 16. September stand Julian dann in den Nachmittagsstunden selbst hinter der Theke seiner Bar, bediente ein paar versprengte Urlauber. Hat man Pech, sagt er wenig bis gar nichts, erwischt man ihn auf dem richtigen Fuß, kommt er für seine Verhältnisse fast schon ins Plaudern. Hier einige seiner Aussagen.

  • "All i oli wird nur in eine Richtung, immer in der konstant gleichen Geschwindigkeit, angerührt."

  • "Menstruierende Frauen dürfen kein All i oli zubereiten."

  • "Nein, ich möchte kein Foto von mir haben. Es hat keinen Erinnerungswert, wie etwa eines, das an einem Reiseziel oder an einem Geburtstag gemacht wurde.

  • Ständig werde ich von Urlaubern fotografiert, ich habe keine Ahnung, warum das so ist."

  • "Nein, die Touristen nerven mich überhaupt nicht."


  • Sprach's, legte rasch Musik aus den Kapverden, einem seiner letzten Urlaubsziele, auf, und bediente die Gäste. Ein Fototermin mit Julian ist reichlich unspektakulär, für alle Beteiligten. ;-)



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