Login   Hilfe
 
 

Antonio Escandell - eine Fischerlegende

von Lothar Klatt (06.05.2004)





Das Siegerfoto: Antonio Escandell (Foto: Marc Tomàs Suárez).

Das wirklich geniale Siegerfoto des Fotowettbewerbs zu Ehren Beni Trutmanns erweckt zwar den Anschein, als wäre es vor langen Jahren in Prä-Tourismus-Zeiten aufgenommen worden, aber so alt ist Antonio nun doch nicht. Er wurde vor 65 Jahren auf Formentera im Haus Can Toni Xumeu, rechter Hand gelegen an der Straße La Sabina – Es Pujols zwischen Sa Revista und der alten Kirche, geboren. Da dieses Haus damals den Salinenmitarbeitern vorbehalten war, ist anzunehmen, dass sein Vater dort arbeitete. Die vier Wohnungen im Can Toni Xumeu sind heute in vier Appartements umgewandelt, einfach und zweckmäßig, wie es im Reisekatalog heißen würde. Das „Hallo“ war groß, als Antonio im Oktober 2002 hörte, dass wir gerade dort unser Urlaubsquartier aufgeschlagen hatten.

Die Pityusen nur einmal verlassen

Antonio Escandell ist mit der halben Inselbevölkerung verwandt (kein Wunder, bei diesem Nachnamen) und der Rest der Einheimischen, glaube ich, kennt ihn. Abgesehen von den kurzen Einkaufstrips nach Ibiza, hat er Formentera nur einmal verlassen. Aus welchen Grund auch immer: Er war in Palma de Mallorca. Fasziniert benutzte er dort zum ersten und einzigen Mal Rolltreppen und war doch froh, schnellstmöglich der Hektik der Großstadt wieder zu entkommen.

Die Technik hält Einzug in Form eines alten s/w-Fernsehers

Er wohnt – seit Mitte der achtziger Jahre zusammen mit seiner Irene – in einer kleinen einfachen Finca zwischen den Salinen und dem Estany Pudent. Kein Strom, keine Kanalisation; eben so, wie seit ewigen Zeiten auf der Insel gelebt wurde. Doch kurz vor der Jahrtausendwende kam der Fortschritt auch zu Antonio: Eine kleine Solaranlage gibt elektrisches Licht und erlaubt sogar den Betrieb eines winzigen s/w-Fernsehers. Seit zwei Jahren holt eine kleine elektrische Pumpe das Wasser aus der Zisterne und Antonio grinst: „Fließend Wasser.“

Ein typischer Formenterenser

Autor Lothar Klatt.
Antonio ist ein typischer Formenterenser, eben ein Inselbewohner: wortkarg, muffelig bis zur Unhöflichkeit (so ähnlich wie der nette junge Mann in der Centro Bar in Sant Francesc); doch wenn er auftaut und jemanden ins Herz geschlossen hat, ist er liebenswert, hilfsbereit, großzügig und unterhaltsam. Nie werde ich die spontane Feier meines 50. Geburtstages vergessen, die er und Irene im Februar 2003 organisierten. So ein Tag in einem urtypischen formenterensischen Fischerhaus – und der Fischer singt mir Geburtstagsständchen – einfach ein Traum. Bedauerlicherweise sind meine Spanisch- und Katalanischkenntnisse genauso rudimentär wie seine Deutschkenntnisse. So muss seine Irene oft übersetzen; aber dass wir gerne Fisch essen und (im Spätwinter) auch den wilden Spargel nicht verachten, das hat er verstanden…

Seine Passion: der Fischfang

Seine Frau Irene hat im letzten Jahr den kleinen Laden – besser gesagt den Flohmarkt – „Alles aus Formentera“ vor der Finca nicht wieder eröffnet, so dass sich Antonio abends, wenn er seinen Fang an Restaurants und Hotels verkauft hat, nicht mehr über einen Haufen manchmal angeheiterter Touristen auf seinem Grundstück ärgern muss. So kann er sich wieder voll und ganz dem Fischfang widmen, und im Winter bei stürmischem Wetter bei der, wie er so schön sagt, „Bauernarbeit“ das selbstgezogene Gemüse hegen und pflegen.

Grellbunter Stilbruch in der Fischerhütte

Eins fehlt Antonio völlig: Kunstverstand: Vor Jahren tauschte er auf der Promenade von Es Pujols fast seinen gesamten Tagesfang gegen ein großformatiges grellbuntes Bild, geradezu eine Beleidigung für die Augen. Trotz meiner und Irenes skeptischen Blicken bestand er darauf, das Bild im Haus aufzuhängen. So prangt es denn nun als absoluter Stilbruch an der Wand einer der letzten ursprünglichen Fischerunterkünfte Formenteras. Immerhin, auf dem Bild sind neonfarbene Fische zu sehen.

Antonio, ich hoffe, das ist jetzt alles nicht zu indiskret, aber als preisgekröntes Fotomodell und Person der formenterensischen Zeitgeschichte musst du damit wohl leben. Hättest zum Fotografen doch auch nein sagen können, so wie sonst immer, wenn du nur einen Fotoapparat von weitem siehst.

  • Fotowettbewerb zu Ehren Beni Trutmanns

  • Barbaras Fotogalerie zum Fotowettbewerb

  • Rene weiß auch was über Antonio zu berichten


  • © by Hans-Lothar Klatt für fonda.de

     
     

      zurück   zum Seitenanfang   Seite ausdrucken   Seite empfehlen