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BOBS FORMENTERA
12.) Die Fonda-Mauer

von Bob (11.05.1999)





Pepe.
Irgendwann landeten wir wieder in der Fonda. Mittlerweile war es früher Abend geworden. Getränkemäßig ging ich auf Bacardi Bitter Lemon über, den Kaffee war ich jetzt wirklich Leid. Das Cerveza hatte ich probiert, hatte aber eher das Gefühl, Rasierklingen zu schlucken als Bier zu trinken. Dies lag in erster Linie an der Temperatur des Getränkes. Ein Typ am Tresen, mit dem ich mich über dieses Thema austauschte, riet mir, die Brühe einmal wärmer zu probieren, ich würde Pepe dann schon für die Kühlung dankbar werden. Er sollte Recht behalten. Während späterer Aufenthalte in Spanien habe ich meinen Frieden mit San Miguel gemacht. Vor drei Jahren in Hongkong, dort gilt das spanische San Miguel als „domestic“, d.h. als einheimisches Bier, da vor Ort in Lizenz gebraut , habe ich mich sogar richtig darauf gefreut. Den gröbsten Hunger stillte, wie später immer wieder, ein Käsesandwich, ein Bocadillo con Queso. An die Tapas, wie die Sachen in den Schüsselchen hießen, traute ich mich nicht.

Im Gegensatz zum späten Vormittag saßen wir jetzt auf der Mauer, welche die Grenze zum unbebauten Nachbargrundstück darstellte. Wouter mit seinem Kunsthandwerk und Chantal mit ihren Verletzungen sorgten dafür, dass unsere Plätze permanent umlagert waren. Da ich weder Schmuck herstellte noch einen Badeunfall hatte, in die aktuellen Gespräche also nur peripher eingebunden war, hatte ich genügend Muße, meine Umgebung einer eingehenderen Musterung zu unterziehen. Das erste Objekt war auch das naheliegendste, das an die Mauer grenzende Nachbargrundstück. Dicht bewachsen mit Kakteen, die freien Flächen übersät mit diversen Abfällen wie Dosen, Flaschen, Plastikbehältern, Papier und Lumpen. Zwei magere Inselhunde, Ibizencos wie ich erfuhr, warteten gespannt darauf, Essensreste zu ergattern. Allerdings warnte der Wirt davor, irgendetwas Essbares dahin zu werfen, da die scheuen Bewohner der Zwischenräume und Dunkelzonen, die Ratten nämlich, gemeinhin schneller seien als die etwas drögen Hunde. Alles in allem schien mir dieses Nachbargrundstück, schäbig wie es aussah die Nacht aus kosmetischen Gründen ebenso herbeizusehnen wie seine scheuen, langschwänzigen Bewohner aus Erfordernissen der Ernährung.

Über die Straße hinweg saßen Spanier in ihren weißen Hemden, schwarzen Hosen und ebensolchen Schuhen würdevoll vor dem „San Fernando“, einer weiteren Kneipe mit dem voluminösen Titel „Bar-Restaurant“. Unsere Straßenseite mit den Chaoten schienen sie zu ignorieren, zumindest schaute keiner. Allerhöchstens der Typ, der sich zwei Häuser weiter, d. h. ein Haus und einen Schuppen weiter, gerade eben ein Fahrrad gemietet hatte fand auch ihre Aufmerksamkeit. Schulterlange, strohblonde Haarsträhnen fielen ihm immer wieder vor die randlose Brille mit den runden Gläsern. Über dem schwarzen, durchlöcherten T-Shirt hing am Lederriemen eine silberne Flöte. Ein Riss im Hinterteil der hellen Cordhose, fast vom Gürtel bis zu Kniekehle reichend, gab generös den Blick auf darunterliegende Körperteile frei. Mit einem Anflug von Respekt registrierte ich den selbstbewussten Schwung, mit dem der Typ sich auf das Rad schwang und seelenruhig die Dorfstraße hinabradelte.

Zwischen „San Fernando“ und dem Fahrradschuppen lag das Hostal Pepe. Vor seinen weiß getünchten Loggien versuchten zwei Meter lockerer Grund mit ein paar Büschen eine Grünanlage darzustellen. Der Fahrradschuppen war ein ungefähr zwei Meter hohes, weiß verputztes Mauerwerk mit Wellblechdeckung und grün gestrichener Brettertür zur Straße hin. Ein selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift "Alquiler de Bicicletas" verriet dem Interessenten sowohl die Öffnungszeiten als auch die Mietpreise für die zur Auswahl stehenden Zweiräder. Der Fahrradverleih schien zur Fonda und dem Hostal zu gehören, worauf die mit weißer Ölfarbe akkurat gemalten Buchstaben FPP mit einer jeweiligen Nummer am hinteren Schutzblech der Räder hinwiesen.

DIE Mauer auf Formentera.
In zwei Meter Abstand zur Mauer, auf der wir saßen - der Mauer, wie später in Insiderberichten zu lesen sein würde - wuchs die Außenwand der Fonda empor. Auf den ersten zehn Metern war es die Fassade des in diesem Teil zweigeschoßigen Hauptteils des Fondagebäudes. Über dem zirka ein Meter hohen Sockel aus gröberem, grauen Putz waren im Erdgeschoß ein kleines Fenster mit gevierteiltem Rahmen, zwei quadratische Entlüftungsöffnungen und im Obergeschoß drei Fenster von der gevierteilten Sorte ins weiß verputzte Mauerwerk gestanzt. Die Farbe des Sockels war um das Eck zur Straßenseite bis zur Traufe hin als ein Fuß breiter Rahmen und in gleicher Abmessung der flachen Dachneigung folgend am Giebel als Balken gestrichen. Kurz vor dem Übergang zum etwas niedrigeren Teil der Längswand durchbrach eine, mit einem silberfarbigen, metallenen Scherengitter gegen Zutritt verschlossene Holztür, den Sockel. Neugierige Blicke durch die Scheiben der Tür verhinderte wie bei den Fenstern ein von innen geschlossener Laden. Einen direkten Durchgang von der Terrasse zum Gastraum mit der Theke gab es nicht. Dazu ging man durch eine der vier Rundbogentüren, besser gesagt Fenstertüren, die in den Nebenraum hinter der Fonda führten, von hier aus gelangte man durch eine weitere Tür zum Gastraum. Natürlich konnte man auch gefahrlos über die Straße den vorderen Eingang zur Theke gehen, nennenswerter Verkehr herrschte hier nicht. Die größte Gefahr stellten in dieser Richtung noch die ein- zwei Stufen dar, die man vom Bürgersteig aus zu überwinden hatte. Ganz gleich jedoch, für welche Richtung man sich entschied, mit fortgeschrittener Zeit wurde es zum Slalom um die Leute, die es sich auf Stühlen, der Mauer oder auch auf dem Boden mehr oder weniger bequem gemacht hatten. Während es in der hell erleuchteten Gaststube mit zunehmendem Abend immer lauter wurde, bildeten sich bei der Mauer und auf der Terrasse hinter dem Nebenzimmer kleinere Grüppchen, die sich im spärlichen Kerzenlicht unterhielten und einer Gitarre, Flöte oder Mundharmonika lauschten. Zu den Typen, die schon das Quartier Latin n Paris, den Bahnhof in Barcelona und die Fähre nach Ibiza bevölkert hatten, mischten sich zunehmend auch „normale“ Leute, Urlauber, hauptsächlich wohl Deutsche.

Unmerklich glitt der Abend in eine weitere, angenehm warme Nacht. Zum ersten Mal seit Tagen würde ich in einem Bett schlafen, zum ersten Mal seit Wochen würde der nächste Tag kein unbekanntes Ende für mich bereithalten. Ich war angekommen. Gegen zwei Uhr morgens kamen Wouter und ich überein, unser Domizil aufzusuchen. Ich musste zwar warten, bis Wouter zu diesem Schritt bereit war, da ich ja keine Ahnung hatte, wohin zum Teufel ich hätte gehen müssen, hatte damit aber wegen all dem Neuen, was da auf mich zukam, keine Schwierigkeiten. Das Problem waren halt nur die blöden Taschen, die Müdigkeit und das Gemisch aus Café solo und Bacardi tonica. Langsam trollten wir uns die Dorfstraße hinab in Richtung asphaltierter Inselstraße. Nicht sehr weit hatte Wouter gesagt, der Straße folgend, müssten wir, vor einer Kneipe namens "La Tortuga" rechts in einen breiten Feldweg einbiegen. Der vorausgesagte Majagötze fand sich leicht, ebenso der Weg. Bis dahin und auch noch die nächsten paar hundert Meter bis zu einer Weggabelung war, abgesehen von den Stolpersteinen, die selbst noch in den ausgefahrenen Wagenspuren vorwitzig nach oben schauten, alles klar. Keiner der ausprobierten Wege schien der Richtige, Häuser waren wenige da und wenn, dann waren es die falschen. Wouter fand unser Domizil in dieser Nacht nicht. Gegen eine der gelben Mauern gelehnt, den Rücken mit einer Tasche gepolstert, mit einer Decke zugedeckt, bewunderte ich anfangs noch den intensivsten Sternenhimmel meines bisherigen Lebens, um dann, ebenso wie mein Kumpan, gehalten von Morpheus' Armen dem Sonnenaufgang entgegenzuschlummern.

Fortsetzung folgt

 
 

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