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BOBS FORMENTERA
11.) Eine Unterkunft und schmerzhafte Medusen

von Bob (10.05.1999)





Nach ungefähr einer Stunde und drei weiteren Café solo - mittlerweile war es mir schon ein wenig schlecht von dem vielen Kaffee, schließlich hatte ich seit Montpellier nicht mehr richtig geschlafen - kamen Wouter und das Mädchen zurück. Wir hatten ein Haus, ca. hundertfünfzig Meter vom Strand am Mitjorn entfernt, gemietet. Die untere Etage sei an drei Leute untervermietet, der Dachraum, zugänglich über eine Außentreppe und das Flachdach des Geräteschuppens, sollte unser Heim für die nächste Zeit werden. Eine Miete war nicht fällig, die bezahlten schon die Untermieter in der „Belle Etage“. Der Weg dahin sei nicht sehr weit, höchstens eine halbe Stunde. Mittlerweile hatte Wouter uns bei einer jungen Holländerin zum Duschen eingeladen. Sie bewohnte mit einer Französin namens Chantal ein Doppelzimmer irgendwo in San Fernando. Auf dem Bett sitzend und mit dem großen Badetuch die mittlerweile schon recht langen Haare trocknend sah ich zu, wie Wouter sich mit sichtlichem Wohlbehagen die Füße von der zierlichen, brünetten Holländerin massieren ließ. Was sie sich erzählten, konnte ich nur sehr unvollkommen verstehen, ob ich dies bedauern sollte, war ich mir nicht im Klaren. Während ich fast schon entschieden hatte, mich wieder zur Fonda zu begeben, von wegen fünftem Rad am Wagen und so, humpelte die Zimmergenossin der Samariterin von zwei Typen gestützt zur Zimmertür herein. Ihre an sich hübschen Beine waren von roten, hässlichen Striemen und einer Unmenge Jod entstellt. Nachdem sie sich mit einem gekonnten Griff die Schlägermütze abnahm und damit ihre langen braunen Haare freilegte, erzählte sie, immer noch sichtlich von großen Schmerzen gequält, von ihrer Begegnung mit den Medusen, Feuerquallen, wie Wouter mir, mein fragendes Gesicht richtig interpretierend, übersetzte. Der ganze Mitjorn sollte davon verseucht sein. Ich hatte zwar schon von solchen Viechern gehört, aber nicht geglaubt, dass man dermaßen zugerichtet werden konnte. Das Schlimmste, was mir bis dato im Wasser begegnete, war ein Stück Scheiße im Meer bei Caorle, auch nicht gerade eine appetitliche Sache.

Chantal kam aus Grenoble am Fuß der französischen Alpen. Grenoble kannte ich ein klein wenig, so um Ostern 1966 hatte ich dort, auf dem Heimweg von der französischen Riviera, zu Abend gegessen und übernachtet. Das Hotel hatte mit seinem schwarzen, gewachsten Dielenboden einen sehr düsteren Eindruck auf mich gemacht. Den Geruch dieses Bodens habe ich heute noch in der Nase, wenn ich an Grenoble denke, ein Geruch der eigentlich denkbar schlecht zu einem französischen Restaurant zu passen scheint. Gleichzeitig denke ich aber auch an Cannes, wo wir zwei Tage verweilten, wir, das waren mein Kollege Norbert, der damals einen Renault 9 fuhr, und ich. Er hatte vor Jahresfrist bei meinem ehemaligen Lehrherrn gekündigt und sich in Eppenbrunn bei Pirmasens als Architekt selbständig gemacht und bedankte sich auf diese Weise für meine Zeichen- und Entwurfshilfe bei verschiedenen seiner Projekte. Cannes, welch angenehmen Gedanken an diese Reise dieser Name doch ins Gedächtnis rief. Die Croisette, das „Carlton“, die weite Treppe zum Strand, auf der die Gymnastinnen der, zumindest damals, ziemlich bekannten Gymnastikschule Coburg ihre Übungen öffentlich abhielten. Welch ein schöner Anblick, die gut gebauten, fast ausschließlich blonden Mädchen mit ihren mittelblauen Badeanzügen und den blauen Gummibällen. Genauso bemerkenswert der Ölmagnat Nubar Gulbenkian, der geheimnisumwitterte Mister 10% der fünfziger und sechziger Jahre, der mit seinem langen, unten seltsam gerade abgeschnittenen Bart (ZZ-Top haben den später ähnlich getragen), den Zylinder auf dem Kopf, die Hände auf dem Spazierstock mit dem Silberknauf gefaltet, stocksteif neben seiner Frau, die stets einen spitzen Turban trug, im goldenen Rolls Royce, selbstverständlich mit livriertem Chauffeur, langsam über die Croisette kreuzte. Robert Morley, Charaktermime in Filmrollen wie Lord Rawnsley in den „Tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten“ oder als Cedric Page in „Topkapi“, wurde von seinem Hund mehr das Trottoir entlang gezogen als dass er ihn führte. Flotte Sportwagenfahrer drängten sich in viel zu kleine Parklücken, indem sie nacheinander Vorder- und Hintermänner einfach wegschoben, teilweise bis weit in die Kreuzung hinein, was aber niemand sonderlich zu stören schien. Ebenso unvergesslich die Heimfahrt nach Norden, durch die Blumenmeere der Provence bei Grasse und das endlose Gekurve in den Serpentinen der Seealpen.

Dies alles hätte ich Chantal sehr gerne erzählt. Französisch konnte ich zwar ansatzweise lesen, aber keineswegs sprechen, mein Englisch reichte nur für „Your legs are looking bad“ im Hinblick auf die Verletzungen durch die Quallen und „Three years ago I spent one day in Grenoble“ bezüglich ihrer Heimatstadt. Alles andere blieb leider ungesagt.

Teil 12: Die Fonda-Mauer

 
 

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