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BOBS FORMENTERA
10.) Rauchen wie ein Spanier

von Bob (09.05.1999)





An zwei zusammengestellten Tischen nahmen Wouter und ich erst einmal Platz, um unseren Kaffee zu trinken. Wouter öffnete seine grüne Ledertasche, kramte allerlei Zangen, bunte Perlen, farbige Murmeln, Glasstücke und Rollen von Silberdraht - galvanisierter Kupferdraht, wie er mir schon auf der Ciudad Barcelona fachmännisch erklärt hatte -, hervor und begann geschickt mit Hilfe der Zangen Spiralen zu drehen. Ich begann mit meinen Tuschefüllern auf einem A4-Zeichenblock mein Formentera-Traumhaus zu entwerfen, was mir von Wouter neben Lob für den Umstand, dass auch ich mich betätigte, Kritik für die Phantasielosigkeit des Entwurfs einbrachte. Ich fühlte mich gleich doppelt ertappt; ähnliche Vorwürfe hatte mir meine verflossene Freundin Barbara ob meiner Werke auch immer gemacht, „kastig“ nannte sie meine Häuser ob ihrer geometrischen Formen. Den Einwand, ich müsste ja ein Haus entwerfen, das praktisch und preiswert sei, parierte Wouter mit der Frage, wieviel Geld ich denn für ein Haus anlegen könne. „Keines“ antwortete ich wahrheitsgemäß. „Dann träumst Du“, sagte Wouter, „und wer sich schon beim Träumen auf das Machbare beschränkt, der ist arm dran“. Also schlug ich ein Blatt um und kritzelte Windmühlen, Esel und die Worte Formentera, Islas Baleares auf den Block und beschloss, fortan nur noch in Superlativen zu träumen.

Mittlerweile hatte ich schon den dritten Café solo an der Theke geholt, ebenso mein erstes Päckchen Celtas sin filtros, die kosteten fünf Peseten pro Packung, genauso viel wie der Café solo pro Glas. Ideales für drei Peseten die Packung wären auch eine Möglichkeit gewesen, allerdings warnte mich ein wohlmeinender Zeitgenosse vor diesen Zigaretten, da sich bei jeder zweiten oder dritten die Gummierung an der Papiernaht auflösen würde, die Ideales daher teurer kämen als die Celtas. Eine andere Möglichkeit wären blonde Filterzigaretten mit Namen 1 x 2 (un ex dos) gewesen, mit acht Peseten allerdings die teuersten, außerdem sowieso nicht mein Geschmack, für Kiffer allerdings erste Wahl, wie sich später herausstellen sollte. Langsam kam Bewegung in die Szene. Wouter hatte mittlerweile einen regen Andrang von potentiellen Kunden verschiedenen Alters, aber gleichen Geschlechts: Mädchen und Frauen aller denkbaren Haut- und Haarfarben interessierten sich für sein Handwerk. Neben den scheinbar wichtigsten Fragen: „Woher kommst Du?“ und "Wie lange bleibst Du?" fragte er aber immer gleich noch nach Möglichkeiten einer preiswerten Unterkunft für zwei Leute. Eines der gefragten Mädchen sprach von einem gewissen Mariano und bot an, diesen gemeinsam mit Wouter aufzusuchen. Ich passte derweil auf die Taschen auf, kritzelte auf dem Block herum und trank Cafe solo. Die Celtaskippen warf ich mit Vergnügen auf den Boden, trat sie aus und fühlte mich wie ein Spanier.

Teil 11: Eine Unterkunft und schmerzhafte Medusen

 
 

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