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BOBS FORMENTERA
9.) Der erste Tag

von Bob (08.05.1999)





Viel Bewegung war in der Szene nicht. Der Staub, den das Taxi trotz langsamer Fahrt auf der lehmig gelben Straße aufgewirbelt hatte, gesellte sich langsam zu dem übrigen gelb–braunen Belag, der alles zu bedecken schien. Eine grelle Sonne ließ den Himmel über uns in einem fast ins Weiß gehende Hellblau gleißen. Alle Anwesenden schienen unbeteiligt, ohne viel Interesse an uns „Neuen“, was in mir aber den Eindruck verstärkte, der mich schon beim Aussteigen aus dem Taxi beschlichen hatte: Irgendwie erinnerte mich diese bleierne Trägheit an den Anfang des Spielfilms „Lohn der Angst“ mit Yves Montand und Peter van Eyck. Mir wurde nachdrücklich bewusst, dass ich mich auf einer Insel befand. Einfach den Daumen raus strecken und abhauen war hier nicht möglich. Mindestens zwei Fähren waren notwendig, um wieder diese Option zu haben. Innerlich war ich fest entschlossen, auf jeden Fall mindestens das Geld für die Fähren als eiserne Reserve zurückzulegen.

Fonda Pepe, auch "Peyka" genannt.
Der erste Weg führte - ich hielt mich da ganz im Kielwasser meines neuen holländischen Freundes Wouter - in das Innere der Kneipe auf der rechten Straßenseite. "Restaurante Peyka" stand außen angeschrieben, was immer das heißen mochte. Eigentlich weiß ich es bis heute nicht. Es war noch nicht einmal Mittag, aber die schmale Terrasse rechts von der Kneipe, begrenzt durch eine Mauer aus den nun schon bekannten gelben Bruchsteinen, war ebenso wie das Kneipeninnere schon recht bevölkert von Leuten, die sich von denen auf der Ciudad Barcelona nicht wesentlich unterschieden. Der Fliesenboden war übersät mit Kippen, Zuckertütchen und Servietten aus Papier, was aber niemand besonders zu stören schien.

„Cafe con latte“ bestellte Wouter an der langen Theke. „Cafe con leche“ verbesserte der Alte hinter dem Tresen mit der Andeutung eines Lächelns. Weder für die Verbesserung noch für das Lächeln bewegte sich die filterlose Zigarette in seinem Mundwinkel auch nur einen Millimeter. Dies sollte für die nächsten Wochen ein beinahe tägliches Ritual werden, ein Ritual zwischen Wouter und Pepe, ohne jegliche Variation. Ich bestellte Café solo und sah zu, wie einer der Hippies in dem Pappkarton mit Briefen und Karten kramte, der neben der Glasvitrine mit den kleinen Schüsseln, gefüllt mit rätselhaften Speisen, stand. Später am Tag, vorgebend, es wäre möglich, von irgend jemand Post mit der legendären Adresse c/o Fonda Pepe, San Fernando, Formentera, Islas Baleares, Espana erhalten zu können, durchforschte ich den Inhalt dieser Schuhschachtel. Menschen aus aller Herren Länder schrieben an Menschen aus aller Herren Länder, wohl hoffend, dieselben würden irgendwann das gleiche tun wie ich gerade. Irgendwo habe ich einmal gelesen, Hunde, die einen Briefträger attackieren, würden dies deshalb machen, weil sie mit der Vielzahl von Düften und Aromen, die dieser an den Briefen und Karten in seinen Taschen mit sich führt, nicht klarkommen. Hier konnte man sicher froh sein, dass ob der 1000 Düfte aus aller Welt keine der zumeist herrenlosen, anscheinend harmlosen Hunde im Lokal geduldet waren. Von einer Ausnahme wird in der Folge noch zu berichten sein.

Teil 10: Rauchen wie ein Spanier

 
 

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