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Der Aussteiger

von Uwe (10.05.2000)


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Artikel aus der Formentera-Zeitung vom 28. Juni 1998, mit freundlicher Genehmigung von Lothar Groß. Karl Heinz "Carlos" Ladwig verbrannte sich im März 2000 mitsamt seinem Boot vor dem "Roca Bella".


Carlos auf seinem Boot (Foto: L. Groß).
Carlos nennen ihn die Fischer, deren Boote in der Bucht am Hotel Rocca Bella liegen. "Karl Heinz, das kann doch keiner richtig aussprechen - dieser Name ist zu lang für uns!", sagten die alten Fischer und nannten den Deutschen, der am 18. April 1991 Deutschland verließ und seitdem auf Formentera lebt, kurzerhand Carlos. Karl Heinz Ladwig, wie Carlos mit bürgerlichem Namen heißt, lebt seit August vergangenen Jahres auf einem kleinen Segelboot, das in der Bucht direkt neben der Cafeteria des Hotels Rocca Bella am Sandstrand auf Reede liegt. Carlos ist ein Aussteiger, hat alle gesellschaftlichen Bindungen aufgegeben und sich von den Zwängen der Gesellschaft befreit. Doch seine Entscheidung, eine kleine Kajüte als Wohnung zu wählen, kam sicher nicht aus purer Abenteuerlust und Freiheitsliebe zustande. Seine Lebensgeschichte fasziniert und schreckt ab, gleichermaßen. Die Biographie beginnt am 25. Oktober 1954 in der Kölner Südstadt, in Byental-Marienburg, wo er geboren wurde und aufwuchs.

Nach seiner Schulzeit begann Karl Heinz Ladwig eine Lehre als Büromaschinen-Mechaniker und schon während der Lehrzeit machte er in einer Abendschule eine zusätzliche Ausbildung zum Elektroniker. Danach arbeitete Karl Heinz, alias Carlos, 13 Jahre lang in einer Kölner Firma für Büromaschinen, die letzten vier davon als Werkstattleiter. Noch deutete nichts darauf hin, dass er zum Aussteiger wandelt und sich auf dem kleinen Eiland mehr recht als schlecht durchschlagen wird und er durch Holzschnitzarbeiten - ein Hobby, dem er bereits seit seiner Jugend frönte, ein kärgliches Zubrot verdienen würde. Ganz im Gegenteil, denn sein bürgerliches Leben zeigte auf der Karriereleiter weiter nach oben: Im Alter von 27 Jahren wechselte Carlos den Arbeitgeber und sammelte Außendiensterfahrung bei einer PC-Firma. Nach sechs Jahren wagte er den Sprung in die Selbständigkeit und eröffnete ein Elektro- und Elektronikhandelsgeschäft.

Doch die Leiter kippte um: 1990 Konkurs! Im April 1991 kommt Carlos bester Freund bei einem Autounfall ums Leben. Und im Jahr darauf stirbt seine Mutter (sein Vater war schon seit 1971 tot)! "Es waren harte Schicksalsschläge, wobei besonders der Tod meines Freundes die gemeinsamen Pläne durchkreuzte", sagt Carlos. Die Freunde hatten nämlich Formentera schon ins Visier genommen: Sie wollten in naher Zukunft ein Lokal auf der Insel eröffnen. Carlos Freund, ein ausgezeichneter Koch, sollte als Küchenchef fungieren, und er die Kundschaft bedienen. Aus der Traum! Carlos gerät ins Grübeln, von einem lebensfrohen Aussteiger, der es nimmt, wie es kommt, ist nichts mehr zu spüren. Die alten Bilder werfen lange Schatten. Er erzählt: "1978 hatte ich das erste Mal auf Ibiza meinen Urlaub verbracht und auch einen Ausflug zur Schwesterinsel Formentera gemacht. Ich war beeindruckt von dem Eiland und der beschaulichen Lebensweise ihrer Bewohner. 1987 kam ich wieder und zwei Jahre später blieb ich im Spätherbst zwei Monate auf der Insel. Ich glaube, dass ich damals meine Liebe zu Formentera entwickelt habe. Jedenfalls ließ mich der Gedanke, dort einmal zu leben, nicht mehr los. Mein Freund war genauso begeistert, obwohl er Formentera nie zu Gesicht bekam. Ich sagte damals zu ihm, dass dies das Paradies auf Erden sei."



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