Login   Hilfe
 
 

BOBS FORMENTERA
6.) Die Überfahrt

von Bob (05.05.1999)





Gegen 17 Uhr holten wir unser Gepäck im Bahnhof ab und gingen zur Ciudad de Barcelona. Von imponierender Größe lag sie im Hafen. Mein bisher größtes Schiff war Weihnachten 1966 die Kanalfähre von Oostende nach Dover gewesen, nichts Großes, gegen dieses Schiff eher eine Art Omnibus mit Theke. Unser Platz auf dem Schiff war das Sonnendeck, auf dem Segeltuchliegestühle aufgestellt waren, von dem Typ, bei dem man leicht tollpatschig aussieht, wenn man versucht, ihn aufzuklappen. Dankbar und sehnsüchtig zugleich dachte ich an Montpellier und das Hotelbett. Wir sicherten uns unseren Liegestuhl, indem wir unsere Taschen darauf und daneben platzierten. So sollten später noch Millionen von Deutschen mit "ihren" Liegestühlen verfahren, sehr zum Verdruss der andersgläubigen Miturlauber. Für uns gab es aber keine großartig andere Möglichkeit, denn es gab mehr Bedarf als Liegestühle. Außerdem musste man die Taschen ja irgendwo lassen, galt es doch, sich rechtzeitig mit Getränken und Speisen einzudecken, da die Bars, die für die Passagiere der 3. oder gar 4. Klasse zuständig waren, schon relativ früh schlossen. Der Zugang zu den Bars der höheren Klassen war nur mit dem entsprechenden Ticket gestattet, ein solches hatten wir aber nicht.

Nun sah ich sie zum ersten Mal versammelt, die Typen, die in den nächsten Wochen meine ständigen Begleiter sein würden. Typen im wahrsten Sinne des Wortes. Da waren sie, die Hippies aus den Film- und Zeitungsberichten, in illustren Verkleidungen, Bekleidungen, Schmuck, Haartrachten und allerlei bizarren Gepäckstücken, mit vielerlei Musikinstrumenten von der Sithar über Gitarren, Saxophone, Dudelsäcke, Wasserpfeifen, Trommeln und vielem mehr. All diese Gerätschaften ließen vermuten, dass diese bunten Gaukler kleine und große Kunst- und Musikstücke vorführen und andere damit köstlich unterhalten bzw. ihren Lebensunterhalt damit verdienen konnten. Eines stand fest, fürs Singen und Musizieren würde mich niemand füttern, höchstens vielleicht dafür, dass ich Ruhe geben würde. Alle Hautfarben waren vertreten, jeder schien jeden zu kennen. Auch ich war sicher, den einen oder anderen vor ein paar Tagen in Paris, in der Rue de la Huchette gesehen zu haben. Vor allem kam ich mir aber ziemlich brav, sehr normal und ziemlich provinziell vor. Mir schien, alle strotzten vor Selbstsicherheit und innerer Ruhe. Beides schien sich längst nicht in gleicher Weise auch von mir behaupten zu lassen.

Ich lernte zu unterscheiden. Typen mit hellen Jeans, weißem T-Shirt, schwarzer kurzer Zimmermannsweste, schwarzem Hut und schwarzen Stiefeln, rotem Halstuch - also ein klein wenig wie der Hund, der bei Gottschalks Late Night Show mitmachen durfte -, waren originale Ibiza-Hippies; wenn sie außerdem nichts weiter mit sich trugen als eine große Strohtasche, waren sie in dringenden Geschäften oder sonstigen Gründen eben mal auf dem Festland gewesen. Sie sprachen von Santa Eulalia, San Antonio, dem Hafen, dem Montesol, der Vara de Rey und dem Hippiemarkt und haben mir sehr imponiert. Sie erinnerten an Jürgen/Dave, der letztes Jahr einer der ihren gewesen und mit ihnen überwintert hatte. Und ich wusste, dass ich nicht auf Ibiza bleiben würde. Ibiza schien mir plötzlich irgendwie besetzt zu sein, aufgeteilt, vergeben.

Im Laufe der Nacht entdeckte ich dann doch etwas, das ich gut konnte bzw. besser konnte als die meisten anderen. Meine Gauloises waren aufgeraucht. Eigentlich wollte ich mich in Südfrankreich noch mit den "Blauen" eindecken, nach meiner damaligen Lieblingsmarke Reval sozusagen the "second choice", damals aber in Frankreich ungleich billiger. Irgendwer hatte mir aber erzählt, dass Zigaretten in Spanien noch billiger seien. Da ich bis zu diesem Moment noch versorgt war, kannte ich noch keine spanische Marke. Mitgenommen auf die Indienreise hatte ich allerdings eine Notration von drei Päckchen Zigarettentabak der Marke "Schwarzer Krauser Nr. 1" sowie in ausreichender Menge EFKA - Zigarettenpapier zum Selberdrehen. Schon mein Großvater selig, mütterlicherseits, hatte Selbstgedrehte geraucht, allerdings mit "Landewyck Silber" und, völlig formlose, dünne Lungentorpedos. Ich sehe ihn noch vor mir, in der Küche, den rechten Fuß auf einem kleinen Schemel vor dem Küchenschrank, wo rechts hinten auf der Ablage der Tabak und die "Blättcher" deponiert waren, drehte er, seine Schuhmacherwerkstatt für diese kurze Zeit verlassend, im stündlichen Ritual seine Zigarette. "Aktive", wie die fertigen Zigaretten hiessen, rührte er nicht an. Ich selber hatte den Ehrgeiz, pralle, runde, relativ feste Zigaretten zu drehen, ähnlich, wie sie aus meiner Selberdrehmaschine, einer Blechdose mit Klappvorrichtung, herauskamen. Einer, der sich gut auskannte, hatte allerdings vor Jahresfrist eine solche Maschine als nicht "comme il faut" bezeichnet, was ein besonders derbes Urteil über solche Vorrichtungen bedeutete. Gut, dass ich einiges Geschick besaß, um auch ohne Maschine solch pralle Glimmstengel zu produzieren, wie sie meinem persönlichen Geschmack entsprachen, weil so auch das Papier/Tabak-Verhältnis ausgewogener gestaltetet war.

Bevor ich die Geschichte weitergehen lasse, noch ein Wort zum Rauchen. Ich selbst habe mir 1977 das Rauchen abgewöhnt. Und 1978, 1979, 1980, 1981, 1982, 1983, 1986, 1987, 1988, 1989, 1990, 1991, 1992, und am Neujahrstag 1999. Länger als drei Jahre hab ich es noch nicht geschafft, jeder Versuch hat mir allerdings mindestens ein zusätzliches Kilo Körpergewicht beschert. Momentan bin ich clean (April 2000).

Irgendwie zog die Tatsache, dass ich mir eine formvollendete Zigarette gedreht hatte, spätestens beim zweiten, dritten Mal die Aufmerksamkeit etlicher der Umstehenden, -sitzenden auf sich. Dass man Zigarettenpapier und Selbstdrehgeschick für etwas anderes gebrauchen konnte als für Schwarzen Krauser, war mir zwar nicht gänzlich unbekannt, im Moment aber wirklich nicht bewusst. Tatsächlich hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Joint geraucht, keinen Trip eingeworfen, sei es Acid (LSD) oder Mescalin. Von Cappi's (Captagon) einmal abgesehen, die ich von einem Freund erhielt, der seinem Vater die Arztproben klaute und von denen ich auch zwei, drei Familienpackungen in meiner Reiseapotheke mitführte, war ich von solchen Dingen bisher unberührt geblieben. Selbst Fahrten nach Kaiserslautern in Lokale der Szene mit meinem Freund Guckenmus hatten kein Ergebnis gebracht, wahrscheinlich hatten wir es falsch angepackt.

Also irgendeine Absicht lag im Selberdrehen nicht. Auf jeden Fall wurde ich zunehmend in Gespräche um mich herum eingebunden. Einfach war das immer noch nicht, sehr viel besser war mein Englisch über Nacht ja nicht geworden. Deshalb war ich froh, von einem Typen auf Deutsch angesprochen zu werden. Auch er hatte offenbar Schwierigkeiten, auf dem Liegestuhl Schlaf zu finden. Inzwischen hatte sich auch ein feuchter Film von Tau über alles gelegt, um die Situation noch etwas unbequemer zu machen. Walter war Holländer, der Name wurde ausgesprochen wie im Englischen, geschrieben wurde es Wouter wie ich später erfahren habe. Er war auf dem Weg von Paris nach Ibiza. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, da war Ibiza wärmer und wahrscheinlich billiger. Er war beinahe ebenso groß wie ich, also bestimmt über einsachtzig, hatte rötliches, halblanges, wegstehendes, lockiges Haar und einen schütteren Kinnbart der gleichen Farbe. Als Ire hätte er glatt durchgehen können. Seinen Lebensunterhalt bestritt er seit ein paar Monaten mit der Herstellung und dem Verkauf von Silberschmuck aus galvanisiertem Kupferdraht. Diese Art von Modeschmuck, hauptsächlich Fingerringe und Ohrhänger in den verschiedensten Variationen der Spiralform, war gerade "in". Er war aus Amsterdam und hatte in Paris die Mai-Unruhen des Vorjahres mitgemacht, die letztendlich zum Rücktritt des General de Gaulle geführt hatten. Seine Profession hatte ihn anfänglich in den Verdacht gebracht, ein "Profiteur de la Situation" zu sein, was, obwohl er es vehement verneinte, nicht von der Hand zu weisen war.

Teil 7: Ibiza

 
 

  zurück   zum Seitenanfang   Seite ausdrucken   Seite empfehlen