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BOBS FORMENTERA
5.) Zur Fähre nach Ibiza

von Bob (04.05.1999)





Nachdem die Personalien ausgetauscht waren und jeder sich vorgestellt hatte, wurde über das Woher und das Wohin gesprochen. Fast alle waren auf einem längeren Europa-Trip, hatten die nördlichen Gefielde nun hinter sich, wollten nach Marokko, den Canary Islands, Ibiza, Andalusien und sonst wohin. Ich selbst erzählte, dass ich erst einmal nach Ibiza wolle, dafür eine Fahrkarte nach Valencia gekauft hätte, da das Trampen hier doch allzu mühselig sei. Das Letztere wurde bestätigt, das Erstere entfachte einen Sturm der Heiterkeit. Ich lernte in der Folge einige Dinge: Von Barcelona aus gehen zweimal wöchentlich Fährschiffe nach Ibiza, morgen Abend würde das nächste gehen. Nein, die Fahrkarte solle ich erst am Morgen zurückgeben, da man sich nachts nur mit gültiger Fernverkehrsfahrkarte im Bahnhof aufhalten dürfe, was angesichts des einsetzenden Regens nicht unwichtig und angesichts einer rigiden Guardia Civil, die nicht sehr rücksichtsvoll mit Obdachlosen umgehen sollte, sogar sehr sinnvoll war. Nein, die Agentur der Transmediterranea sei nicht weit, das mit der Buchung könne man morgen erledigen, die Fähre sei nicht ausgebucht. Natürlich gibt es Bier in Spanien, es heisst hier aber Cerveza. Hier hätte das kleine Latinum geholfen. Den Diercke konnte man nur für das große Ganze benutzen.

Das hört sich jetzt alles so einfach an, aber mein technisches Englisch aus der Abendschule hatte mich in etwa folgende Sätze gelehrt: George Stevenson was a great British engineer and inventor, among other things he invented a miners safety lamp... Damit konnte ich hier gar nichts anfangen. Easy, difficult, a couple, to spend some days, expensive, und vor allem der Gebrauch des yet waren hier angesagt, unterhalten haben wir uns aber prima, wenn auch nicht alles verstanden. Inzwischen, wegen des Wetters in die Bahnhofshalle zurückgekehrt, machten sogar etliche Witze die Runde, wofür Joe eine, wie es schien, unerschöpfliche Quelle war. Es wurde über alles Mögliche gequatscht, ausgelassen wurde nur die Politik. Den Grund dafür zu erkunden fehlte mir der Wortschatz, und, nach einem "Black Panther Abend" im Republikanischen Club in Pirmasens wenige Tage vor meiner Abfahrt mit ungeheuren Aggressionen aller beteiligten Amerikaner, ob schwarz ob weiß, auch der Mut zu fragen; ich wollte meine neuen Bekannten nicht auch gleich wieder verlieren. Außerdem hing, dies wusste ich auch von zuhause (Pirmasens war ja bis in die Mitte der Neunziger Jahre amerikanische Garnisonsstadt), über jedem jungen Amerikaner das Damoklesschwert des Einzugs zur kämpfenden Truppe nach Vietnam. Sicher wollte auch mancher daran nicht erinnert werden, war gar auf der Flucht davor.

Mit dem Verlöschen des Tageslichtes wurden langsam die Penner aus dem Bahnhof gekehrt. Mit uns ging man, nachdem wir die Fahrkarten präsentiert hatten, eher rücksichtsvoll um. Die Halle mussten wir trotzdem verlassen und uns zu den Bahnsteigen begeben. Hier allerdings standen große, im Querschnitt abgerundete Holzbänke, ähnlich den Sitzbänken alter Straßenbahnen, die sehr bequem waren. Ebenfalls sehr angenehm waren die großzügigen Toiletten mit Waschräumen, die gut beleuchtet und sehr sauber, mich ein wenig zivilisierter und erleichterter entließen als sie mich begrüßt hatten. Aus meinen Taschen kramte ich meine beiden wollenen Reisedecken, dunkelblaue Plaids mit Stewartkaros. Einen Schlafsack hatte ich nicht dabei, dieser hatte die Rückreise vom Gorges du Tarn im Vorjahr nicht überstanden. Mit der einen Decke hielt ich mich warm, eng gekuschelt an Pandorah aus St. Louis, welche die zweite Decke abbekam.

Am Morgen trennten sich unsere Wege. Pandorah, Joe und andere fuhren mit der Bahn nach Süden. Tom Hansen und ich deponierten unsere Taschen in der Gepäckaufbewahrung und tigerten los zum Schalter der "Mediterranea". Sonnendeck-Klasse im Liegestuhl, umgerechnet siebzehn Mark, Abfahrt 18 Uhr, Ciudad Barcelona. Meine Fahrkarte hatte man gegen Rückerstattung des Fahrgeldes, wider Erwarten, anstandslos zurückgenommen. Es blieb eine Menge Zeit, noch ein Stück Barcelona zu besichtigen. Das Wetter hatte sich gewaltig gebessert, von den erwähnten Regenschauern am Vorabend war außer entstaubten Palmen nichts mehr zu sehen. Unser Weg führte direkt auf die imposante Columbussäule zu, auf deren Höhe sollten rechts die weltberühmten Rambles abgehen. Sie gingen ab, eine Prachtstraße, um die 30 Meter breit, mit zwei Reihen großkroniger Platanen, leicht bergan vom Passeig de Colom an. Gregor von Rezzori sollte die Rambles ein Jahrzehnt später so beschreiben:

"Wenn anderswo eine noch halbwegs belebte Promenierallee, wie in Paris die Champs Elysees oder die Hauptstraße eines Vergnügungsviertels wie die Hamburger Reeperbahn, längst etwas Veranstaltetes, nicht mehr Ursprüngliches und nicht ganz Echtes haben, sind die Rambles von Barcelona, Müßiggängerpromenade und Geschäftsstraße, Markt, Basar und Ausstellungsgelände, Prunk-Avenue und Hurengässchen in einem einzigen, wechselvollen Lauf, von oben bis unten genuin."

Recht hat er. Alle Touristen landen früher oder später hier. Irgendwie fühlte ich mich mit diesem Ambiente seltsam vertraut, den vielen anderen Touristen, Fremden ging dies wohl ähnlich. Die nächtlichen Vergnügungsviertel links und rechts der Rambles konnten uns nicht in Versuchung bringen; bis hier wieder etwas los war, waren wir auf halbem Weg nach Ibiza.

Im Parc de la Ciutadella machten wir eine Brotzeit. Der Park liegt neben dem Französischen Bahnhof, zu dem wir wegen des Gepäcks im Laufe des frühen Nachmittags zurückgegangen waren. Ich hatte Ölsardinen und Weißbrot gekauft, dazu gab es Rotwein. Meinem Angebot zuzugreifen folgte mein amerikanischer Reisegefährte nur angenehm zurückhaltend, voller Respekt vor dem Eigentum des Anderen. Dies hatte ich schon anders erlebt. Welch ein Unterschied zu Klaus Theweleit vom SDS vor einem Jahr, der, mich und meine Reaktionen genau betrachtend, meine Ölsardinen fast alleine gegessen hatte, dies allerdings ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Wahrscheinlich gehörte das seiner Auffassung nach zu soziologischen Studien direkt am Objekt. Böse war ich ihm aber deswegen nicht, seine Lieder und Gitarrenvorträge, vor allem seine Harry Belafonte-Interpretationen, entschädigten generös für den Verlust der toten Fische. Tom aus Vancouver hatte zuvor noch eine American Express-Agentur aufgesucht, wohin ihm Geld überwiesen worden war. Von diesen Agenturen, an die man sich in aller Welt Geld überweisen lassen kann, hörte ich an diesem Tag zum ersten Mal, allerdings kannte ich niemanden, der mir viel dahin hätte überweisen können. Als ich ihm dies erzählte, gab Tom mir den gutgemeinten Rat, gut auf mein Geld aufzupassen, das heißt, es zusammenzuhalten und für die Dauer meiner Reise sparsam zu leben. Da war er nicht der Erste, auf ihn gehört habe ich letztendlich genauso wenig wie auf seine Vorgänger und Nachfolger.

Teil 6: Die Überfahrt

 
 

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