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BOBS FORMENTERA
4.) Barcelona - Valencia

von Bob (03.05.1999)





Mit meinen beiden Taschen machte ich mich auf den Weg vom Hafen zur Innenstadt. Ein Rucksack, wie ihn die amerikanischen Tramper auf dem Rücken trugen, wäre weniger anstrengend gewesen, aber erstens hatte ich keinen, zweitens hatte ich ja nicht in der Absicht gepackt, mit den Taschen trampen zu wollen. Im Diercke Weltatlas hatte ich mir die Situation angeschaut. Von Valencia aus war eine Fährverbindung nach Ibiza eingezeichnet. Also, auf nach Valencia, unterwegs würde ich genügend Zeit haben, zu überlegen, was ich tun würde. Aber erst einmal wollte ich in Barcelona Gaudis berühmte Sagrada Familia und seine sonstigen Werke besichtigen. Als gelernter Bauzeichner und angehender Architekturstudent lag mein Hauptinteresse in dieser Richtung. Antoni Gaudi hatte mir - mein Lehrherr hatte ein Buch über ihn im Regal stehen, eingereiht neben Le Corbusier, Frank Lloyd Wright, Richard Neutra und Ludwig Mies van der Rohe, der damaligen Crème de la crème der Architektur - ob seiner eigenwilligen, stark an Jugendstil-Elemente (Devise: Ein Haus ist wie ein Baum) angelegten Architektur zumindest sehr imponiert. Er war etwas Besonderes, unnachahmlich im wahrsten Sinne des Wortes, individuell, stets ein Ansporn, eigene Wege und Sichtweisen anzustreben. Der für Süddeutsche auffällige, zum Schmunzeln verleitende Name, tat ein Übriges. Drei Jahre später sollte ich mit einem Hamburger Architekten konfrontiert werden, der auch viel mit runden Formen arbeitete, sein Name war Egon Jux. Irgendwie musste da ein Zusammenhang bestehen. Egon Jux ist übrigens der Designer der Hamburger Köhlbrandbrücke, die, wie an riesigen Stimmgabeln hängend, den Hamburger Hafen überquert.

Barcelona gefiel mir. Vom Hafen kommend, lag der Passeig de Colom vor mir, der, gerade auf ihn eingebogen, den grandiosen Blick auf die Columbussäule und den Montjuic freigab. Die katalanischen Namen wurden erst Ende der siebziger Jahre, nach Francos Tod und der Volksabstimmung über die kulturelle Autonomie Kataloniens, gebräuchlich, die damaligen Namen der Straßen und Plätze weiß ich allerdings nicht mehr. Die Nadel der Columbussäule schien der Wehrmauer der Burg anzuzeigen, wo die Horizontale endet, um in halsbrecherischem Schwung nach unten, eins werdend mit dem Berghang in das Meer zu fallen. Dieses Bild sehe ich auch noch heute vor mir, wenn ich an Barcelona denke. Vor allem, wenn Montserrat Caballe und Freddy Mercury die Stadt besingen.

Mein Weg führte in relativ nördlicher Richtung, vorbei am Parc de la Ciutadella, entlang dem Passeig de Sant Joan durch den Triumphbogen zur Sagrada Familia, dem Hauptwerk Gaudis, dessen Anfänge er noch bis zu seinem Tod 1926 persönlich geleitet hatte. Die Sagrada Familia selbst, 1969 nur im nördlichen Teil realisiert, war zwar eine große, scheinbar verlassene Baustelle, wegen ihrer Einzigartigkeit dennoch die Mühen meines Fußmarsches wert. Ebenso die vom gleichen Architekten unverwechselbar fröhlich gestalteten Brunnen und Bänke im Park Güell mit ihren farbenfrohen Mosaiken. Eher abweisend auf meinem Weg nach Südwesten, die graue Fassade der Casa Mila, auch "La Pedrera" (Steinbruch) genannt, bei aller Formenvielfalt und der Ornamentik der schmiedeeisernen Balkongeländer ein Mehrfamilienwohnhaus, das auf mich bedrohlich wirkte, eher, bei aller weichen Weiblichkeit, wie die später entstandenen Festungsbauten des Westwalls oder der Normandie.

Mich zog es in Richtung Valencia. Sicher, man konnte in Barcelona noch vieles betrachten, aber es gab ja auch noch einen Rückweg. Ich schleppte meine Taschen die Straßen entlang, die in jene Richtung führten, die man mir auf meine Frage nach der "Salida de Barcelona" gewiesen hatte. Die Stadt wollte kein Ende nehmen. Ich erinnere mich noch an ein riesiges, altehrwürdiges Stadiongebäude aus braunem Sandstein, an vornehme, parkähnliche Vorgärten mit prächtigem Buschwerk, das eben gerade passiert von einer Brücke den Blick freigab auf ein ausgetrocknetes Flussbett mit einem Rinnsal in der Mitte. In diesem Rinnsal watete eine junge Frau in halbzerfetztem Unterrock mit einem Säugling auf dem Arm, in der anderen Hand einen gerade gefüllten Blecheimer. Sie wohnte mit ihrer Familie wohl in einer der baufälligen Wellblechhütten, die an der Stelle errichtet waren, wo das Geröll des Flussbettes anfing, in eine Wiese überzugehen. Welch ein Unterschied zu den Villen direkt vor der Brücke. Solch krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich, und so direkt, hatte ich bis dahin nicht gesehen.

Langsam lichteten sich die Häuser, die Lücken wurden grösser. Mitgenommen wurde ich allerdings nicht. Dies lag wahrscheinlich daran, dass ich mich nun auf einer Straße mit einem großen Anteil an innerörtlichem Güterverkehr befand. Ich hielt das erste Taxi an, das ich sah. "Salida de Barcelona, direccion Valencia, por favor" radebrechte ich. Lachend und mit beiden Armen nach hinten deutend erklärte mir der Fahrer, dass ich Barcelona schon lange hinter mir hätte. Ich gab ihm einen 50-Peseten-Schein und bat ihn, mich entsprechend diesem Betrag in die gewünschte Richtung zu fahren, weg von diesem Konglomerat aus Gewerbegebieten und Vorortsiedlungen mit seinen Lieferwagen und Beschäftigten mit kurzen Wegen, konzentriert auf das Geschäft des Tages. Nach etlichen Kilometern gab er mir beim Ausladen meiner Taschen den Rat, mit dem Zug nach Valencia zu fahren, dies sei nicht sehr teuer, muy comfortable, mas rapido.

Ich folgte seinem Rat. Im nächsten Kaff fragte ich nach dem Bahnhof - versuchte nach dem Bahnhof zu fragen. Das Wort für Bahnhof wusste ich nicht, der Italienisch-Langenscheidt lag sinnvoller Weise in den Tiefen meiner Tasche vergraben. Lokomotivengeräusche von mir gebend, mit den Armen rudernd, gelang es mir relativ gleichzeitig, die befragten Passanten zu erheitern, als auch den Weg zur Estacion zu erfahren. Die Fahrkarte nach Valencia konnte ich hier nicht lösen, der einzige Weg war wieder zurück nach Barcelona, so ungefähr in einer Stunde, gegen achtzehn Uhr. In der Bahnhofsgaststätte, eigentlich in der Gaststätte neben dem Bahnhof, genehmigte ich mir ein Bocadillo con queso (belegtes Käsebrötchen) - so stand es auf dem Zettel vor dem Teller, auf den ich deutete. Bier gab es allerdings nicht, zumindest sah ich keines auf der Tafel angeschrieben. Es gab Coca Cola, Cerveza, Cafe sólo, Cafe con Leche, Té und Agua con y sin gas. Das von mir bestellte Cola kostete drei Peseten, ein Bier allerdings wäre mir lieber gewesen.

Vierter Klasse, zwischen Hühnern und Gemüse, fuhr ich eine Strecke zurück, für die ich vorher etliche Stunden gebraucht hatte. Gelandet war ich nun wieder am Passeig de Colom, der Columbus-Passage, in der Estacion de Franca, dem Französischen Bahnhof. Um ja keine Zeit zu verlieren, begab ich mich umgehend zum Fahrkartenschalter, um mir eine Fahrkarte Dritter Klasse - ich war ja noch reich - zu erstehen. Die Fahrkarte kostete um die Neunzig Mark. Schlecht war, zumindest dachte ich dies, dass der Zug erst morgens früh um sechs Uhr gehen sollte. Nun hatte ich eine Nacht in Barcelona vor und zwei immer schwerer werdende Taschen bei mir. Noch im Bahnhof wurde ich von einem wild aussehenden Typen angesprochen. Parka, Jeans, T-Shirt, Stirnband, Schnäuzer, nicht unsympathisch, hatte eine erste Musterung ergeben. Er hatte sich aus einer Gruppe ähnlich gekleideter Leute gelöst, die vor dem Bahnhof, ebenfalls mit Taschen und Rucksäcken eine, nicht zu übersehende, Gruppe gebildet hatten. "My name is Joe, who are you, where do you come from?". Als dies geklärt war - er selbst war aus Washington D.C. -, führte er mich zur der Gruppe hin. "A couple of good people, most of them Americans - Bob, a good guy from Germany", machte er uns bekannt. Er war der Erste, der die phonetische Version meines Familiennamens als Vornamen benutzte. Ich erinnere mich noch an einen blonden, in etwa gleichaltrigen Jungen aus Vancouver, der sich als Tom Hansen vorstellte und ein langbeiniges, großäugiges Model für Zahnpasta (zumindest hätte sie mit ihrem strahlenden Lächeln diesen Beruf ergreifen können) mit schulterlangen braunen Haaren an seiner Seite hatte. Pandorah Patton aus St. Louis.

Teil 5: Zur Fähre nach Ibiza

 
 

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