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BOBS FORMENTERA
3.) Der Weg nach Barcelona

von Bob (02.05.1999)





Spaniens Himmel breitet seine Sterne... [Text]

Viel schwerer wog der Umstand, dem Vorsatz, niemals Franco-Spanien zu betreten, untreu geworden zu sein. Immerhin, es hätte mich ja auch nach Griechenland zu den dortigen Obristen verschlagen können. Karatsch Degenhardts "Roter Tag" war in dieser Hinsicht doch noch viel näher, irgendwie war da Spanien weniger schlimm, außerdem, Dave war ja immerhin auch und vor mir hier gewesen, Ernst Thälmann wird's verzeihen.

Degenhardt-Live-LP.
[Das Lied von Franz-Josef Degenhardt heißt eigentlich "Für Mikis Theodorakis" und ist von der LP "Degenhardt live" (1968). Mikis Theodorakis (Zorbas) war damals von der in Griechenland herrschenden Militärjunta inhaftiert.

Da sind sie, die Konzern- und Landbesitzer,
Generäle, Popen, Panzer,
die bekannte Kumpanei.
Immer wieder wollen sie die Zeit aufhalten
in Athen und Kapstadt, Bogota,
Berlin und Quang Ngai.
Ihre greisen, kalten Hände suchen
jedes heiße Herz, Theodorakis,
und du weißt, wie kalt sie sind.
Doch wir wissen auch, dass sie zu kalt sind,
dass sie viel zu alt sind, dass sie tot sind
dann, wenn unser Tag beginnt.

Jener Tag, an dem die Sonne tanzt.
Roter Tag der Freiheit in Athen.
Jener Tag, an dem wir auf den Straßen tanzen
und uns wiedersehn.

Die Feinde dieser Parasiten -
es sind deine Freunde.
Sie sind zahlreich
und sie leben überall.
Deine Lieder sind auf ihrem langen Marsch
die kurze Rast in einem quellenkühlen Tal.
Darum hassen sie die Lieder, unsere Feinde.
Ihre wurmstichigen Ohren
trifft dein Name wie ein Schlag.
Und im Bellen ihrer Stimmen,
in den kurzsichtigen Augen
ist die Angst vor jenem Tag,

jenem Tag, an dem die Sonne tanzt...

Und sie frieren in den weißen Häusern,
diese alten Männer.
Ihre tausendfache Angst wird tausendfach bewacht.
Wie ihr großer weißer Vater,
dieser Völkermörder Johnson,
löschen sie das Licht nicht mehr bei Nacht.
Denn sie wissen, die die auf morgen warten,
sie sind überall und sie sind wach.
Seht! Die Nacht geht schon zu Ende.
Ihre Sterne, sie verlöschen.
Bald beginnt der Tag.
Jener Tag, an dem die Sonne tanzt...
]

Ob auf Fehmarn oder auf der Isle of White, wo im Nachgang zu Woodstock Open Air-Konzerte geplant waren, wohl ebenso gutes Wetter war wie hier? Auch sonst hatte ich über gar nichts aktuelle Informationen, höchstens Nachrichten, die in französische Schlagzeilen gerieten, kamen mir zu Augen, ob ich die dann lesen und wenn, verstehen konnte, war wieder eine ganz andere Frage. Spätestens jetzt brauchte ich mir auch wegen Amsterdam keine Gedanken mehr zu machen, diese Chose war vorerst gelaufen. Meiner Freundin Gretel hatte ich aus Verdun eine Karte geschickt, um anzudeuten, dass ich nicht in Richtung Indien, jedenfalls nicht direkt dahin unterwegs war. Karten von jeder bisher genannten Station hatte auch Maria Silvia Venturini erhalten. Es sollte eine gute Weile dauern, bis ich ihre Antworten auf meine Post würde lesen können. Bald würde wohl auch Romolo wieder seinen Job bei Luigi aufnehmen und damit eine Menge Fragen nach meinem Verbleib beantworten müssen. Möglicherweise kam auch ich einmal weg von diesem Parkplatz, irgendwann.

Gegen das Licht der oberhalb des Parkplatzes gelegenen Tankstelle zeichnete sich die Silhouette eines Jeeps oder sonstigen Geländefahrzeugs mit einem riesigen Bootsanhänger ab. Von meinem Daumen dirigiert wie ein Flugzeug mit den großen Kochlöffeln kam der Land-Rover direkt vor mir und meinen Taschen zum Stehen. Welche Macht doch solch ein ausgestreckter Daumen hat. Sofort enterte ich die Stufe zur Beifahrertür und fragte: "Barcelona?" "Barcelona, hä?" echote es zurück, "wo kommschd Du so plötzlich her?" fragte der blonde Endzwanziger am Steuer. "I chab Dich nitt gsäe" antwortete er auf die Feststellung meinerseits, daß ich gewunken und er daraufhin gehalten habe. Nachdem ich seine Frage nach einem roten Alfa Romeo, der eventuell vorbeigefahren sein könnte, negativ beschieden hatte, ergab sich folgendes: Wie bereits erwähnt, war der Jeep ein Land-Rover, das Boot auf dem Anhänger ein Segelboot der Drachenklasse, und der Alfa Romeo sowie sein Fahrer ein Teil eines Gespannes, das das Drachenboot von Gstaad in der Schweiz erst in den Yachthafen von Barcelona und dann nach Mallorca überführen sollte, wo demnächst das Championat du Monde in dieser Segelklasse stattfinden sollte. Ja, ich könnte mit bis Barcelona fahren, erst einmal aber müssten wir den Alfa abwarten. Zwei Gauloises später hielt die erwartete Sportlimousine. Im Konvoi, ich als Beifahrer des Land-Rover, fuhren wir in Richtung Barcelona.

Bei Gerona hielt der Alfa auf einem Parkplatz, dahinter hielten wir mit dem Gespann. Der Rest der Nacht sollte hier auf dem Parkplatz für eine Mütze voll Schlaf genutzt werden. Der Blonde meinte, ich könne ja im Boot schlafen, der Alfa-Fahrer wollte mitten in der Nacht auf keinen Fall die Persenning lösen. Der Blonde meinte, ich könne ja im Land-Rover schlafen. Den wollte der Alfa-Fahrer für sich alleine. Gut, meinte der Blonde, der Alfa hat ja Liegesitze, schlafen wir doch da. Gut meinte ich, schlafen wir doch da. Nach zwei, drei Sätzen allgemeiner Konversation versuchte ich, mich zur Seite drehend, die Augen geschlossen, ein wenig Schlaf zu finden. Allzuviele Gedanken über das Gewesene, über das Kommende verhinderten dies ebenso wie die wie fragend, bittend tastenden Hände meines blonden, mir erst kürzlich zugelaufenen Drachenbootseglers. Als Sofortmaßnahme - leider bin ich für solche Versuche nicht sehr empfänglich - klappte ich meinen Sitz wieder hoch und überlegte, was ich aus dieser Situation noch machen konnte. Auf meinen Taschen in der Dunkelheit auf einem Parkplatz sitzen, das hatte ich ja schon ein paar Stunden vorher, ein paar Kilometer nördlich gehabt. Ich entschied mich, die Sache als Versehen zu betrachten, es nicht weiter übel zu nehmen, blieb aber aufrecht sitzen. Viel geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht.

Schon früh morgens setzte sich unser seltsames Gespann wieder in Bewegung Richtung Barcelona. Über die Geschehnisse während der Nacht wurde kein weiteres Wort verloren. Inzwischen war es hell geworden, ein weiterer strahlender Sonnentag schien sich an die vergangenen zu reihen. Zum ersten Mal sah ich die Wahrzeichen Spaniens auf Erhebungen neben den Straßen weithin ins Land grüßen, ohne schon zu wissen, dass diese schwarzen Silhouetten keineswegs für Stierkämpfe Reklame machten. Veterano Osborne kannte ich zu dieser Stunde noch nicht. Zwischen sieben und acht Uhr erreichten wir den Yachthafen von Barcelona. Einer Einladung zum Frühstück im "Königlichen Yachtclub" leistete ich, schon mit Rücksicht auf meinen knurrenden Magen, gerne Folge. Angesichts der, wie es mir schien, wissend grinsenden Segelkumpane, schlug ich aber lieber das Angebot aus, als neues Mitglied der Gstaader Crew mit nach Mallorca überzusetzen. Einer der frühstückenden Drachenbootsegler am riesigen ovalen Tisch im Yachtclub war übrigens ein gewisser Juan Carlos von Bourbon, der später - auf Geheiss des greisen Diktators Franco - König von Spanien werden sollte.

Teil 4: Barcelona - Valencia

 
 

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