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BOBS FORMENTERA
2.) Über Umwege Richtung Spanien

von Bob (01.05.1999)





Bis Le Perthus/La Junquera hatte ich mehrere "Chauffeure". In Erinnerung geblieben sind mir unter anderem eine junge, sehr sportlich wirkende Frau, die mehrere Umwege fuhr, um mir die, ihrer Meinung nach, schönsten Plätze der Gegend um Frontignac zu zeigen. Außer an wunderschöne Platanen-Alleen und Gemäuer erinnere ich mich allerdings nur noch an das Muscat-Weingut, in dessen Nähe ich ausstieg, um im Gefolge einer Reisegesellschaft, die sich untereinander wohl auch nicht kannte, an einer - zumindest für mich - kostenlosen Weinprobe mit Verköstigung teilzunehmen. Ebenfalls viel Mühe gab sich unterhalb der Burg-Silhouette von Beziers ein älteres Ehepaar, dessen Sohn gerade in Deutschland trampte. Sie wünschten sich wohl, daß es Ihrem Filius in Teutonien ähnlich gut ergehen mochte. Noch heute hoffe ich mit Ihnen. Sie hatten mich schon aufgegabelt, als ich noch mit meinen Taschen unterwegs zum Ende der schier endlosen Tramperschlange war. Eine eherne Regel der Reisenden mit dem gestreckten Daumen (Gings "El Rey de la Caretreras" in der Fonda erinnert an diese Art der Fortbewegung) besagt, der zuletzt angekommene muß bis zum Ende der Schlange weitergehen. Auf der Heimreise sollte diese Regel noch einmal durchbrochen werden, und dies aus fast den gleichen Gründen wie bei meinen französischen "Gasteltern". Den nächsten Fahrer, der außer Hemd und Hut nichts am Körper trug und mich beim Eingang des Centre Nudiste (Les Amis de Soleil) bei Leucate absetzte, hätten sie ihrem Sohn wohl lieber erspart, wie auch ich mir ersparte, der Einladung in das Nudistencamp zu folgen. Obwohl ein wissendes Grinsen die Gesichter der Fahrer zierte, die mir, den Kopf schüttelnd, bedeuteten, so einen nicht mitnehmen zu wollen, kam ich schlussendlich doch noch weiter. Wie beliebt Nudisten in Südfrankreich waren, hatte ich ein Jahr zuvor am Gorge du Tarn feststellen können, wo meine "unverklemmten" Freunde vom Freiburger SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund - bekanntester SDSler war Rudi Dutschke, Vorsitzende war K. D. Wolff aus Frankfurt, unter ihnen der große "Männerphantasierer" Klaus Theweleit, den Zorn der Camper auf sich zogen, weil sie sich, ohne eine Decke überzuhängen, in freier Natur die Kleider vom Leibe zogen, um ihre Badesachen anzuziehen oder umgekehrt.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Wie befürchtet, saß ich nachts zur Geisterstunde am südlichen Ende eines großen Parkplatzes hinter La Junquera, also schon auf der spanischen Seite. Es war stockdunkel und es fuhr kaum ein Auto. Anhalten wollte schon gleich gar keines. Vorher an der Grenze zwischen Le Perthus und La Junquera hatte ich die Kurse der Geldwechsler verglichen und meine Francs, damals noch jeder so ziemlich eine Mark wert, in Pesetas umgetauscht, von denen man im Schnitt fünfzehn für eine Mark (Franc) bekam.

So saß ich auf meinen Taschen, wunderte mich, daß ich schon in Spanien war, gedachte jener, die mich auf dem Weg nach Indien wähnten und hoffte auf ein schnelles Weiterkommen. Noch war nicht klar, wie weit nach Süden ich noch vordringen wollte. Namen wie Algeciras, Tanger, Marrakesch, Casablanca, aber auch Malaga, Torremolinos, Granada, Sevilla, Cordoba und Gibraltar klangen wie Musik in meinen Ohren und betäubten aufkommende Ängste, was wohl werden würde. Espana, welcher Klang, ich hatte ja keine Ahnung, daß mein Volksitalienisch schon an so einfachen Dingen wie Butter, Bier, Milch, belegtes Brot scheitern würde, hatte es doch bei Romolo noch so geklungen wie "wer Latein kann, kann alle romanischen Sprachen", hatte mein Freund Werner doch in Windeseile Portugiesisch gelernt, auf der Basis des kleinen Latinums und seiner zweiten Muttersprache, der rumänischen. Daß ich kein kleines Latinum, keine zweite Muttersprache beherrschte, schien mir angesichts der Tatsache, daß mir Romolo sein Deutsch/Italienisch-Wörterbuch von Langenscheidt überlassen hatte, zweitrangig. Angesichts der Tatsache, daß ich jetzt, 30 Jahre später, diese Zeilen schreibe und eingedenk der Rechtschreibreform, war es dies wohl auch.

Teil 3: Der Weg nach Barcelona

 
 

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