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BOBS FORMENTERA
1.) Indien, über Gersbach

von Bob (30.04.1999)





Bob heute.
Eigentlich war das Kapitel Formentera abgehakt, Erinnerung, als ich im Februar per Zufall auf die fonda.de stieß. Uwe fragte, in Beantwortung einer E-Mail, nach alten Geschichten und Fotos. Nun, mit Fotos kann ich nicht dienen, bis in die achtziger Jahre hinein dachte ich, die besten Erinnerungen seien die im Kopf. Heute, 30 Jahre und fünf Konfektionsgrößen später, nach fünf Kontinenten, 50 Ländern und 1000 Leuten, gebe ich zu, dass dies ein großer Fehler war.

Geschichten gibt es viele. Alleine schon der Weg beim ersten Mal, das erste Mescalin, Joseph mit dem Koffer, Belladonna, Angela und Oskar und der Skandal, von der Gefahr beim Duschen, Jürgen und die Opuntien (1), Fußball-Europameisterschaft 1972 im Hostal Pepe, Volker und der Besuch bei Elmyr de Hory, Stoff in San Francisco, das Haus am Mitjorn, Paella, Wracks u.v.m.

Catherine Tekakwitha, Mau-Mau in der Fonda, Maria Pesetas, der gelbe Rolls-Royce, der erste Abschied von Formentera und Ibiza, der zweite Abschied von Formentera und Ibiza und immer wieder Brigitte Wiesehütter. Anfangs war ich überwältigt von der Lawine, die da plötzlich losgetreten war.

Wie hatte alles angefangen? Wieso gerade Formentera? Wann war das alles? Wer war da alles? Der Versuch, chronologisch vorzugehen, ist bei den ersten Anfängen der 68er Um- und Zustände hängengeblieben. Ich war (bin) auf dem besten Wege, einen dicken Wälzer zu verfassen.

Bob 1980, auf der Überfahrt zwischen den Inseln.
Hauptverantwortliche für den ersten Formentera-Trip waren der Zeitgeist, Bob Dylan und Jack Kerouac; Oss Kröher mit seinem Freund Gustav Pfirrmann und dem legendären Motorrad-Trip nach Indien als Corono Brothers; die Gründung des Republikanischen Clubs in Pirmasens; mein Freund Romolo und dessen alter Lancia, mit dem wir eigentlich nach Indien und Nepal wollten; mein Freund Dave (Jürgen), der '68/'69 auf Ibiza überwinterte, mit dem ich `72 auf Formentera und `79 auf Ibiza war; mein Fernweh, meine Besessenheit, all das, was ich gelesen hatte auch zu sehen, zu riechen und zu schmecken; Gretel, die mir die Freiheit ließ.

Ganz spontan war Bob im September 2001 für wenige Tage auf der Insel.

1. Kapitel: Indien, über Gersbach

Der Indientrip verzögerte sich wegen des Zustands des Lanciagetriebes. Statt wie vorgesehen in Richtung Karawanken fuhren wir jetzt erst einmal mit dem BMW des Automechanikers in die Dolomiten nach Belluno, wo die Ersatzteile für das Getriebe bestellt waren. Um die Fahrt für Peter, den Automechaniker, interessanter zu machen, wurde ein Abstecher nach Venedig und Caorle gemacht. Mit an Bord war Jürgen, der nach seinem Ausflug nach Freiburg und Ibiza wieder in Pirmasens gestrandet war. Neben der unvergesslichen Maria Silvia Venturini (welch ein Klang noch immer) lernte ich noch die Gebräuche am Markusplatz kennen - und was es kostet, wenn die Musik spielt.

Das Auto wurde repariert.

Auf gepackten Taschen sitzend, unter Tränen verabschiedet von Mutter und Freundin, wohlversehen mit guten Tips und Ratschlägen von Vater, Brüdern und Freunden, mehrere Adressen von Oss für unterwegs und einem Weltatlas von Diercke sowie fast tausend Mark im Brustbeutel, wartete ich auf meinen italienischen Freund Romolo. Ihn hatte eine unglückliche Liebesgeschichte aus Rom in die Pfalz getrieben, wo er, obwohl gelernter Optiker, im Ristorante meines väterlichen Freundes Luigi bediente.

Romolo kam zu Fuß. Eines der neuen, prophylaktisch ausgetauschten Zahnräder hatte eines der "alten", für gut befundenen, auf der Fahrt zu mir zermalmt. Neue Teile mussten bestellt und eingebaut werden, eine Woche sollte dieses dauern. Einen neuerlichen Abschied wollten wir niemand zumuten, am wenigsten uns selbst. Wir beschlossen, für den Zeitraum der Reparatur abzutauchen.

Die Reparaturwerkstatt befand sich in Gersbach, einem Vorort von Pirmasens. Ein telefonisch informierter Freund, der uns eigentlich schon unterwegs in Richtung Indien wähnte, fuhr uns zu einer Stelle der B10, von der wir einigermaßen weg von Pirmasens und den "Hinterbliebenen" zu einer Tramp-Tour starten konnten. Der Umweg über Gersbach nach Indien ist heute noch Gegenstand von Frotzeleien im Freundes- und Bekanntenkreis. Oss Kröher schrieb mir als Widmung in sein Buch "Das Morgenland ist weit" den Zusatz "auch über Gersbach".

Über Saargemünd, Saverne, Gerardmer und Colmar trampten wir nach Freiburg, wo wir den nächsten Zug in Richtung Pirmasens nahmen. Unterwegs hatten wir viel Zeit, uns zu unterhalten und uns über verschiedene Dinge klar zu werden. Romolo überlegte, erst einmal in Rom Station zu machen, möglicherweise das nächste Frühjahr abzuwarten und möglichst die Reisekasse aufzufrischen. Mir war auch das recht, war ich ja auch in Rom noch nicht gewesen.

Das Auto war noch nicht fertig, als wir wieder zurückkamen, ein Ersatzteil fehlte immer noch, Romolo gab auf. So einfach wollte ich mir die Sache nicht machen. Nun gut, für mich war es auch einfacher, es mir nicht so einfach zu machen. Romolo hatte Frau und Kind, ich "nur" eine Freundin.

Romolos Entscheidung fiel in einer langen Nacht in Gersbach. Für mich fiel eine Vorentscheidung. Nach Indien per Auto-Stop konnte ich mir nicht vorstellen. Allenfalls Istanbul konnte noch das Ziel sein, hatte ich doch auch noch lockeren Postkartenkontakt mit einem "Basari", einem Juwelier, den ich zwei Jahre zuvor in einem Zug von London nach Deutschland kennengelernt hatte. Außerdem lockte der "Puddingshop", eine allererste Adresse in Hippiekreisen. Die Alternativen waren in nördlicher Richtung Amsterdam und in Richtung Süden Spanien und Marokko, eventuell auch die Insel Ibiza, von der mir mein Freund Dave, der eigentlich Jürgen hieß und heute auch wieder so heißt, so tolle Dinge erzählt hatte.

Ich entschied mich erst einmal für den Westen, gegen Istanbul. Alles weitere sollte sich ergeben.

Kurz vor Saarbrücken hielt ein Volkswagen mit einem jungen Mann. Vor Antritt seines Wehrdienstes wollte er noch einmal richtig Urlaub machen. Über Paris sollte die Reise nach Nizza und Monte Carlo gehen. In Paris kannte ich mich ganz gut aus, war ich doch in den letzten vier Jahren mindestens sechs Mal dort gewesen. Natürlich war auch der Weg bis nach Paris eine mir gut bekannte Strecke. Neben vielen Plätzen, die Zwangsaufenthalte mangels Mitfahrgelegenheiten mit sich brachten, wie zum Beispiel die Ortschaften mit Weltkrieg-I-Schlachtfeldern rund um Verdun, gab es auch diese Raststätte mit dem Papageien, der, im Käfig vor dem psychedelischen Poster, bei jedem Gast, der das Lokal betrat, begann, die Marseillaise zu pfeifen. Dies und meine Lieblingsplätze in Paris am Boulevard Saint Michel, im Quartier Latin, der Rue de la Huchette, am Place Blanche, machten diesen Teil der Reise für mich zum Wiedersehen mit "alten Bekannten". Sechsunddreißig Stunden später verließ ich in Orange den VW. Ob der kundigen Führung in Paris hatte ich einen zufriedenen Gastgeber für die Fahrt in den Süden und die Zeit in Paris gehabt. Von Orange nach Montpellier kam ich noch am gleichen Tag. Einem wunderschönen Abend auf dem Place de la Comedie folgte ein Hotelaufenthalt für eine Nacht. Es sollte für lange Wochen der letzte sein.

Teil 2: Über Umwege Richtung Spanien

 
 

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