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Joan Baez, meine Rettung

von carlos (16.10.2003)





Folk-Ikone Joan Baez.

Oft sind es die kleinen Dinge im Alltag, die man erlebt und nie vergisst; die in der Erinnerung größer sind als so genannte wichtige Dinge. Nach dem Ende einer Ehe mit längerer Laufzeit – ich weiß bis heute noch nicht, wer sich wann und warum verlaufen hat –, bin ich zuerst einmal auf meine Insel gefahren, Seele baumeln lassen. Eine Gitarre hatte ich dabei, die mir fremd geworden war und die ich wieder kennen lernen wollte. Eines Abends hatte ich mich mit Ottmar, Pelle und noch ein paar Chaoten zum Grillen bei Fermin verabredet. Das ging ganz einfach: Fermin stellte einen Grill nebst Zubehör (Bier und Lorbas, ach ja, und ein paar Stücke Holzkohle), neben die Bude und machte Feierabend. Lorbas hieß dieser süße Kräuterschnaps nach der Version von Ottmar.

Wir waren so gut in Form, dass niemand merkte, dass ich weder Gitarre spielen noch singen kann. Es gibt kaum was schöneres als ehrlichen Applaus für eine mittelmäßige Leistung...

Dann kamen Mücken, reichlich und so gierig, so dass wir unsere kleine Fete beenden mussten. Allerdings hatten wir eh genug und die Blut saugenden Viecher hat uns wahrscheinlich eine gute Fee geschickt. Nun aufs Fahrrad und ab, Richtung Mitjorn. Natürlich mit Pause auf der Mauer. Nüchtern genug nicht mit der Gitarre auffallen zu wollen, ging ich hinten herum und setzte mich ziemlich weit ans Ende.

Kaum hatte ich das erste Bier, sprach mich ein junger Mann an: May I play on your Guitar? – Natürlich!
Wie gezaubert kamen noch zwei Instrumente zum Vorschein und live ging die Musik ab. Dann das Verhängnis: Ich sollte auch mal was zum Besten geben. Alle Versuche, mich in vielen Sprachen, von denen ich nur zwei halbwegs kannte, herauszureden schlugen fehl. Also einfach mal was singen, kennt mich ja keiner hier.

Aus der Klamottenkiste: "House Of The Rising Sun", ging doch besser als ich dachte. Plötzlich fängt ein junges Mädchen an, mitzusingen. Es war die Originalstimme von Joan Baez. Alle, die dabei saßen, ließen ihre Flaschen und Gläser in der Luft hängen um ja kein Geräusch zu machen, keinen Ton zu verpassen. Das Lied, unter diesen Sternen, mit dieser Stimme, hat mich so weit von meinen kleinen Privatproblemen entfernt, dass ich sie nicht mehr sah. Das Lied dauerte, so meine Erinnerung, etwa bis zum Frühstück an der Bar Es Vedra.

Danke an Carlos.

 
 

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