Login   Hilfe
 
 

September 2001: New York ist überall / Stille Tage auf Formentera

von Uwe (23.09.2001)


Seite 1





New York, 11. September 2001.




Um meinen einwöchigen Inselaufenthalt 2001 zu beschreiben, muss man zwei Tage vor meinem Abflug beginnen, am 11. September, dem Tag des Terroranschlags gegen die USA [Linkliste zum 11.9.2001], dem Tag, als das World Trade Center in New York in Schutt und Asche versank und Tausende von Menschen unter sich begrub, dem Tag, als Menschen kopfüber in den Tod sprangen, dem Tag, als auch überm Pentagon und in Pittsburgh Flugzeuge als Mordwaffen benutzt wurden, dem Tag, als das Wort Wahnsinn einen neuen Sinn, eine neue Dimension bekam, dem Tag, an dem die Erde stillzustehen schien, live und in voller Länge auf allen Kanälen. Die Ausläufer dieses mit Worten kaum zu beschreibenden Terrorakts reichten natürlich auch bis nach Formentera. Urlauber unterhielten sich darüber, kauften die Zeitungsläden leer, waren nicht so ausgelassen wie sonst, waren in Sorge, wie es weitergehen würde, hielten Kontakt mit daheim.

Bluebar-Flagge auf Halbmast.
Die grüne Flagge vor der Blue Bar wehte auf Halbmast. An meinem Abreisetag meinte eine befreundete Residentin, es sei doch gerade jetzt der ideale Zeitpunkt, um auf der Insel zu bleiben. Sehe ich anders. Ich will keine Horrorszenarien an die Wand malen, aber wenn dereinst der Tag X bevor steht und mir das Lichtlein auszublasen droht, dann möchte ich in der Nähe jener Menschen sein, die mir am meisten bedeuten: daheim. "Wenn was passieren sollte, dann war's schön, nochmal hier gewesen zu sein", antwortete ich ihr. Traurig bin ich sowieso.

Die Insel ist ausgebucht

An jenem Dienstag hatte ich mittags ganz spontan den viertletzten Flug von Nürnberg nach Ibiza gebucht. Von München aus gab's gar nichts mehr, deshalb zögerte ich nicht lange. Die Unterkunft sollte dann auch kein Problem mehr darstellen. Dachte ich. Und hatte mich grandios geschnitten. Pitiüses, Pepe & Co. vermeldeten allesamt "total ausgebucht", das Pitiüses war sogar bis Mitte Oktober dicht. Raus aus der Redaktion, um vom eigenen Schreibtisch aus alle Hebel in Bewegung zu setzen. Immer dasselbe, "ausgebucht", langsam stellt sich Unruhe ein. Rolf aus Bremen faxt mir ein paar Seiten mit Telefonnummern, Ulli weilt grad auf der Insel und ich erreiche ihn auf dem Handy, er kann mir aber auch nicht weiterhelfen, findet's außerdem schade, dass ich ankomme, wenn er heimfliegt. Jemand von der Insel sagt mir, ich solle nicht meinen, dass ich der Einzige sei, der sich ohne Unterkunft auf den Weg macht, es liefen schon einige bemitleidenswerte Leute mit Koffern rum und klopften bei ihm an auf der Suche nach einer Bleibe. Das baut auf. Rolf ruft nochmals an, nachdem ich schon eine Stunde immer wieder Richtung Formentera telefoniert habe und zwischenzeitlich eine 700 Mark teure Privatwohnung (Preis für eine Woche) in San Francisco ausgeschlagen habe und empfiehlt mir Reinhardt Touristik. Reinhardt-Rolf erzählt mir erst auch dasselbe wie vorher Jenny, Rosalía & Co., wird dann aber doch noch fündig: ein Apartment in Es Caló. Es war der wirklich letzte Versuch, ansonsten hätte ich den Flug storniert. Gerettet, an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an alle, die mir bei der Zimmersuche behilflich waren sowie ein ganz großes Danke an Rolf von Reinhardt Touristik - du hast was gut bei mir. Ulli hätte dann auch noch was für mich gefunden, es hatte sich aber zwischenzeitlich erledigt. Auf der Insel selbst fand ich's dann übrigens gar nicht so voll, nicht so voll jedenfalls wie im September 2000. Weder an den Stränden, noch auf der Straße, höchstens abends bzw. nachts in den In-Lokalen.

Wickert am Nachmittag, kein gutes Zeichen

Hin zum Reisebüro, den Flug endgültig in trockene Tücher gebracht, noch im Einkaufszentrum umgeschaut. Es ist etwa 16 Uhr, als mein Handy klingelt, eine Arbeitskollegin ist dran. Ob ich schon gehört hätte, was gerade in New York passiert sei. Nein, sage ich und bin mir, als sie meint, ein Flugzeug sei ins World Trade Center gestürzt und dass wir die Website ganz schnell aktualisieren müssen, der ganzen Tragweite dieser Sache noch gar nicht bewusst. Der ganze Scheißtag war so hektisch, stressig, freudig, ärgerlich, durcheinander, dass ich noch wie unter Strom durch die Gegend tapse. Erst als ich daheim die Nachteule Ulrich Wickert am helllichten Nachmittag moderieren sehe und feststelle, dass "Independence Day" brutal von der Realität eingeholt worden ist, wird mir klar, dass was Schreckliches geschehen ist. Ich klebe am Fernseher, aktualisiere von daheim die Website, zappe mich durch ARD, n-tv, CNN und Konsorten und mir fehlen die Worte. Eine Freundin ist da und kocht für mich, ich hätte das an diesem Abend niemals auf die Reihe bekommen - danke!

Formentera, ja klar, da war noch was. Nebensache plötzlich. Trotzdem brauch ich noch einen Sitter für Miguel. Auch hier die letzte Rettung, eine Hundepension in der Nähe von München. Nicht grad billig, aber gut, wirklich gut. Mir reichen die anderen Sorgen schon, außerdem hat mein Hund auch mal einen Urlaub verdient.

Strenge Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen

Zwei Tage und etwa hunderttausend Fernsehminuten später sitze ich im Flieger nach Ibiza, auf meinem Schoß "Süddeutsche", "Welt", "FAZ" und "Zeit". Die Sorgen fliegen mit. Eine kleine, nicht ganz unbedeutende Anekdote vorher: Der Typ vor mir wollte einem Bekannten in Ibiza eine nagelneue Schere mitbringen, das durfte er nach dem Overkill in den USA aber ganz schnell vergessen. Ich bin froh, dass die Leute so gefilzt werden, es ist beruhigend. Wie war's vor dem Abflug in Boston vorgestern? Wollte einer der Attentäter seiner Oma ein neues Küchenmesser oder seinem Opa Rasierklingen mitbringen, verstaut im Handgepäck? Wie um alles in der Welt kam er damit durch die Sicherheitskontrollen? Und warum wollte der Sicherheitsbeamte in Nürnberg eigentlich meinen Labello (!) so genau sehen? Sollte ich damit jemand meucheln? Sarkasmus war schon immer ein adäquates Mittel gegen die Unebenheiten des Lebens. Viele Gedanken, unruhige Zeiten, Formentera ganz weit weg. Gut zwei Flugstunden, um genau zu sein.

Ulli Muhl.
Der Flieger landet kurz nach acht Uhr abends auf Ibiza. Für fünf Minuten treffe ich mich noch mit Ulli, draußen vorm Taxistand. Er sieht erholt aus, aber er ist noch fertig von den Dingen, die sich zwei Tage vorher abgespielt haben. Er erzählt mir das, was er daheim dann auch im Forum postet:
11.9.2001 auf formentera. auf dem weg zur fonda sah ich im vorbeigehen gegen 16.00 h im tv in der bar san fernando (san ferran) bilder brennender wolkenkratzer - wunderte mich, um diese uhrzeit "independence day" zu sehen. auf meinem zimmer erhielt ich eine sms meiner frau: "ulli - ruf mich sofort an - new york wird angegriffen!". dann nach meinem anruf in deutschland in panik wieder runter in die bar fernando: es stimmte - der spanische CNN berichtete live von der grossen katastrophe. die wenigen einheimischen gäste - darunter auch ein junger amerikaner aus washington d.c. - und der service der bar waren wie gelähmt vor angst. für mich waren dann die letzten 3 tage trotz sonne und beiläufiger normalität eine einzige qual. ich wollte nur noch nach haus - reden, reden reden - nicht allein sein und hoffen...

Umarmung, rein ins Taxi, ab zum Hafen und rauf aufs Schiff. Denke ich, als ich um halb neun am Hafen stehe. Das nächste geht aber erst um halb elf. Egal, nächtliche Überfahrt, auch schön. Estrella und San Miguel am Hafen, ätzende, fette Chips dazu, es gibt nichts mehr zu essen hier. Leute beobachten, SMS schreiben und lesen, so vergeht die Zeit. Dann die Überfahrt, sternenklarer Himmel, ich sitze an Oberdeck, Salzwasser spritzt gegen meine Brille - so fängt jeder Formentera-Urlaub an. Der Hafen von Formentera merkwürdig leer, das einzige Taxi ist sofort weg, dann passiert erst mal gar nichts mehr. Herzlich willkommen im Manana-Land.

Die stolzen Spanierinnen

Tasche geschultert, selber auf den Weg gemacht. Taxi angehalten, Richtung Es Caló. Komisch - die Strecke Ibiza/Flughafen - Ibiza/Hafen (Fahrtdauer knapp 15 Minuten) hat 1.900, die Strecke La Sabina/Es Caló (Fahrtdauer knapp zehn Minuten) 2.100 Peseten gekostet. Hat der mich gelinkt? Wahrscheinlich. Scheiß drauf, endlich da. Tasche abgestellt, pünktlich um Mitternacht noch ein Hühnchen mit Pommes und Salat im Lokal nebenan gegessen, ein paar Biere, die am Nebentisch feiernden jungen Spanier (und Spanierinnen!), um die 15 an der Zahl, beobachtet, um halb drei ins Bett. Nach Feiern ist mir nicht, aber ich finde es schön, dass sie's können. Ein Wort zu den jungen Spanierinnen bzw. Formenterenserinnen (kein schönes Wort). Sie sind stolz, natürlich und selbstbewusst. Vom Optischen her bei weitem nicht immer perfekt, so manches "bauchfrei" wäre besser verdeckt geblieben, aber durch ihr Auftreten ersticken sie jeden Zweifel im Keim. Nicht so püppchenhaft, künstlich cool oder zickig wie die meisten Mädels in Deutschland, sondern schon in jungen Jahren ungeheuer selbstbewusst und in den meisten Fällen auch ziemlich hübsch. Das gefällt mir. Eine Dunkelhaarige aus der Runde dreht sich einige Male nach mir um und lächelt mich an. Ich sehe sie nie mehr, aber ich freue mich trotzdem.



weiterblättern >>

 
 

  zurück   zum Seitenanfang   Seite ausdrucken   Seite empfehlen