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Der Herr der Bücher: Bob

von Niklaus Schmid (04.10.1998)





Bobs Grab in San Francisco. Foto: Rolf Lueke.
In San Fernando gibt es so etwas wie ein geistiges Dreieck. Da ist die Gaststätte Fonda Pepe, die Kirche und die "casa de libros", eine private Leihbücherei. Sie gehört dem Amerikaner Bob, der 1967 nach Formentera kam. Doch Bob, obwohl gebürtig aus Kalifornien, war nicht der Hippie-Bewegung gefolgt. "Lange vorher", sagt er, "schon als Sechzehnjähriger, hatte ich mal auf einer Landkarte zwei Inseln im Mittelmeer herausgepickt, Ischia und Formentera. Die wollte ich sehen, weil sie so winzig sind."

Viele Jahre später - inzwischen hatte er ein Architekturbüro in Manhattan aufgemacht - verwirklichte er seine Idee. Er kam, guckte und blieb. Seine Bücher ließ er sich nachschicken, sie wurden der Grundstock der Leihbücherei. Heute umfaßt Bobs "Biblioteca Internacional" an die zwanzigtausend Bände in einem Dutzend Sprachen. Bücher von Kant bis Comic, Knaurs Lexikon ebenso wie Krishnamurti. Ob wertvolle Folianten oder abgegriffene Taschenbücher, der Amerikaner umgibt jeden Band vor dem Ausleihen mit einem Schutzumschlag aus Illustriertenpapier. Die Bücher der Inselautoren, mit persönlichen Widmungen, stehen an einem bevorzugten Platz. Da sind die Kriminalromane von Irene Rodrian und die experimentellen Werke des holländischen Avantgarde-Dichters Bert Schierbeek, ein deutsches Kinderbuch, illustriert von dem Franzosen Jacques Petit-Jean-Boret, und die Bildbände der Amerikanerin Melba Levick.

"Den habe ich selber getroffen", höre ich die sanfte Stimme des Amerikaners, als ich eine Biographie über Bob Dylan aufschlage. Ich will gerade nach besagtem Schafwollpullover fragen, da fährt er fort: "Damals in New York, als Bob Dylan noch einer der vielen unbekannten Sänger war, die mit selbstverfaßten Songs durch Grennwich Village zogen." Und hier auf Formentera? Bei ihm sei Dylan jedenfalls nicht gewesen, antwortet der hagere Mann ernst, aber mit einem amüsierten Blinzeln in den Augen, das so typisch für ihn ist. Dem Mann, der Bürohochhäuser entwarf, bevor er auf Bücher umstieg, ist es mit seiner "casa de libros" nicht immer glänzend gegangen. Und als es einmal wirklich knapp wurde, haben die Residenten eine Hilfsaktion gestartet, damit Bob seine Arbeit fortsetzen konnte. Das war wichtig für ihn, aber für die Residenten selbst zumindest ebenso wichtig.

Der dänische Maler Mogens Egil drückte es so aus: "Bob hat mir im Winter mein intellektuelles Leben gerettet." Da ist was dran. Nur mit dem Rockpoeten Dylan komme ich bei Bob nicht weiter.

Niklaus Schmid veröffentlichte das Buch "Formentera - eine Insel auf dem Weg zur Legende" (es kann über diesen Link direkt bei Amazon bestellt werden) Anfang 1994. Im Frühjahr 1997 verstarb Bob.

 
 

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