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Formenteras Kirchensitten

von Uwe (04.04.2000)





Im November '97, übrigens einer sehr schönen Reisezeit für Formentera, war ich für eine Woche auf der Insel und wohnte über der Fonda Pepe, und zwar in einem Einzelzimmer mit Blick auf die Kirche. Ich saß am offenen Fenster, beobachtete das Treiben da unten und machte meine Notizen.


Samstag, 15. November '97. In der alten Kirche in San Fernando tröpfeln die Leute zur 19-Uhr-Messe nach und nach ein. Die erste ältere Frau bereits kurz nach halb Sieben, die letzten kurz vor 19 Uhr. Die uralte Kirchenglocke bedient der Pastor selbst, er zieht dazu einfach an einem an der Glocke angebrachten Strick. Der allerletzte Gläubige, ein etwa 40jähriger, entweder leicht betrunkener oder schwer bekiffter Spät-Hippie, kommt mit seinem kleinen, schwarz-weiß-gefleckten Hund. Als er durch die kleine Glastüre die Kirche betritt, huscht der Vierbeiner ebenfalls ins Gotteshaus hinein. Wenige Minuten später wird er von seinem Herrchen schließlich doch mit sanfter Gewalt wieder hinausbefördert. Das Dumme ist nur, dass auch ein etwa 12jähriger Junge noch in die Kirche möchte, von dem Hund, der jetzt wohl Beschützerinstinkte für sein Herrchen zu entwickeln scheint (oder sich denkt: Wenn ich nicht reinkomm', dann der schon zweimal nicht), daran aber gehindert wird. Wieder und wieder geht der blonde, schmächtige Einheimische auf den plötzlich angriffslustigen Hund zu, und immer wieder komplimentiert dieser ihn durch lautstarkes Bellen zurück und verteidigt sein bzw. das Areal seines Herrchens. Ich bleibe am Fenster meines Zimmers sitzen und bin gespannt, was passiert, ob vielleicht sogar der Pfarrer rauskommt und den Hund verscheucht. Nichts geschieht. Das laute Gekläff des Mischlings scheint drinnen niemand zu stören. Alles regelt sich, und so bleiben Hund und Kind draußen. Amen.

Eine andere Geschichte, die mit Kirchen auf der Insel zu tun hat, erlebte ich bei einem Gottesdienst in San Francisco. Eigentlich nur eine kleine, für viele unbedeutende Geste, mich aber durchliefen kalte Schauer. Ich gehe hier in Deutschland nur in die Kirche, wenn es unbedingt sein muss und sich gar nicht mehr vermeiden lässt, auf Formentera ist dies anders. Seit diesem Zeitpunkt anders. Vielleicht auch, weil ich von dem Geschwafel nichts verstehe? Es gab nach dem erfreulich kurzen Gottesdienst noch ein Lied zum Abschluss, gesungen von allen Leuten, einem bunt durchgewürfelten Haufen, Alten und Jungen, Einheimischen und Touristen. Es kam mir nicht unbedingt wie ein religiöses Lied vor, was mir die Sache noch sympathischer und menschlicher machte. Und zu diesem Abschlusslied nahmen sich alle bei den Händen, standen also auf und fassten einander an. Die Touristen erst zaghaft, einige ließen es auch, die meisten aber machten mit. Ich fand das sehr schön und fühlte mich für einen Moment der Insel und ihren Gepflogenheiten dazu gehörend.

 
 

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